{"id":1700,"date":"2020-01-13T15:19:00","date_gmt":"2020-01-13T14:19:00","guid":{"rendered":"https:\/\/kampagnenforum.ch\/blog\/2021-12-13\/was-wollen-wir-uns-leisten-2"},"modified":"2026-11-05T17:27:55","modified_gmt":"2026-11-05T16:27:55","slug":"was-wollen-wir-uns-leisten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kampagnenforum.ch\/fr\/blog\/2020-01-13\/was-wollen-wir-uns-leisten","title":{"rendered":"Was wollen wir uns leisten?"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie ist dein Verh\u00e4ltnis zur \u00abLeistung\u00bb? Bist du gespalten, wohnen ach zwei Seelen in deiner Brust? Oder leistet du dir zur Leistung gar keine eigene Meinung?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Kapitalismus (und zuvor der Protestantismus) hat in unserer kulturellen DNA den Glauben eingebrannt, dass ein wertvoller Mensch nur ist, wer viel leistet und f\u00fcnfzig Arbeitsjahre lang zum Bruttoinlandprodukt beitr\u00e4gt. Leistung heisst Produktionssteigerung: Immer mehr Leistung pro Zeiteinheit. Wie das die Fliessbandarbeit anschaulich zeigt: Mit der Stoppuhr gemessene Zerst\u00fcckelung der Arbeit in einzelne Schritte. Eingef\u00fchrt vor hundert Jahren von Henry Ford in der Automobilindustrie, um mehr Autos pro Tag zu produzieren. Der Arbeiter als Teil der Maschine.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dieses Leistungsmaximierungs-Denken zeigt sich in extremis im Spitzensport, der immer mehr leistet, egal wie viel Gesundheit es die Sportler kostet. Kaum ein Rekord, der \u00e4lter als ein paar Jahre ist. Ranking ist Markt und treibt absurde Preisgeld-, Korruptions- und Dopingbl\u00fcten wie etwa beim Tennis, im Fussball oder beim Radsport. Was im Sport Federer und Messi, sind in der Tech-Branche Facebook, Amazon und Google. Vor allem Google ist Marke gewordenes Synonym f\u00fcr cool, innovativ und erfolgreich, das heisst, mit H\u00f6chstleistung auf Marktmacht getrimmt.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die Erfindung der Leistung<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und wir &#8211; Engagierte der Zivilgesellschaft &#8211; sind mit dieser Art Leistungsdenken aufgewachsen, kritisieren es aber gleichzeitig, das heisst, wir sind gespalten. Wir sehen zwar die Problematik des immer-schneller-und-mehr und wenden es trotzdem, bewusst oder unbewusst, selber an.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diesen Zwiespalt leuchtet die Historikerin Nina Verheyen in ihrem Buch \u00abDie Erfindung der Leistung\u00bb fundiert aus. Sie zeichnet darin nach, dass der Begriff der Leistung erst vor zweihundert Jahren eingef\u00fchrt wurde und er damals f\u00fcr eine Leistung zum Wohle der Gesellschaft stand. Mit der industriellen Revolution wurde der Begriff \u00abphysiologisiert\u00bb, das heisst, von der Physik, wo Leistung als Arbeit pro Zeiteinheit gemessen wird, auf die Physiologie \u00fcbertragen. Weil man sich vorstellte, dass der Mensch physiologisch wie eine Maschine funktioniere und somit seine Leistung messbar sei. Wie im Sport: 100 Meter in 10 Sekunden. Verheyen zeigt indes auf, dass sich Leistung nicht wie ein Gewicht oder eine Temperatur messen l\u00e4sst, sondern es immer eine subjektive Beurteilung einer Handlung ist und somit eine Fiktion sei, Leistung objektiv messen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Solches \u00abmaschinenartige\u00bb Leistungsdenken zeitige erhebliche Schattenseiten, so die Forscherin weiter. Es schw\u00e4che die Resilienz und k\u00f6nne zu Depressionen und Burnout f\u00fchren. Stress werde zunehmend als Belastung erlebt, was nicht reiner Leistungsdruck sei, sondern ein Mix aus besagter kultureller DNA, Profitstreben und dem Zwang zur Selbstoptimierung.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Selber gefangen im Hamsterrad<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dieser Kritik stimmen wir wohl im Wesentlichen auf der einen Seite zu. Doch auf der anderen Seite der Spaltung sind auch wir infiziert davon, dass Leistung aus individueller Anstrengung resultiere. Wir sind selber auf Leistung getrimmt. Das Gef\u00fchl, etwas leisten zu m\u00fcssen (und zu wollen), um \u00abetwas\u00bb zu erreichen, ist in engagierten Kreisen grundlegend. Und Antrieb f\u00fcr den Kampf gegen Umweltzerst\u00f6rung und den Widerstand gegen das \u00dcbel \u00abNeoliberalismus\u00bb. Mit Verve und Engagement. Bis hin zum Burn-out oder zur R\u00fccksichtslosigkeit gegen\u00fcber Kolleg*innen. So sind denn Menschen, die meinen, die Weltrettung h\u00e4nge von ihnen beziehungsweise ihrem Kampagnen- oder Aktionsvorschlag direkt und unmittelbar ab (siehe Kolumne \u00abPriorit\u00e4ter\u00bb), gar nicht so selten anzutreffen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Tr\u00f6dler, Nachdenkliche, Zuh\u00f6rende, Ausprobierer und Tr\u00e4umerinnen st\u00f6ren tendenziell. Auch in NGOs. Diese seien schliesslich keine gesch\u00fctzte Werkstatt. Richtig. Und dennoch gilt es dieses \u00abphysikalische\u00bb Leistungsverst\u00e4ndnis, das auf Quantit\u00e4t abzielt und nicht auf Menschen ausgerichtet ist, zu hinterfragen. Denn eine effektive Organisation ist nicht prim\u00e4r eine effiziente Maschine, sondern ein vitaler Organismus.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die Omnipr\u00e4senz des Kapitalismus-Prinzips<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Kapitalismus scheint uns gegen unseren Willen sein Verst\u00e4ndnis von Leistung zu oktroyieren. Wir haben uns daran gew\u00f6hnt, Zeit weniger in Reflexion und vor allem ins Besch\u00e4ftigtsein mit dem Problem oder mit dem Gegner zu investieren. Der, nota bene, tausend Mal mehr Geld hat als wir, was es ihm oft leicht macht, uns beziehungsweise unsere Argumente und Kritik zu \u00fcberfahren oder auf Zeit zu spielen. Und um diese Ressourcen-Differenz wettzumachen, meinen wir, uns umso mehr einsetzen und anstrengen zu m\u00fcssen &#8230;  Wie die Leistungsgesellschaft legen wir Wert auf Leistungsbereitschaft, Performance-Management, Innovation und so weiter. Leistung wird heimlich und unheimlich \u00fcber den eigentlich gleichen Leisten \u00abimmer mehr, immer schneller\u00bb geschlagen. Wir folgen so oft dem kapitalistischen Prinzip, Qualit\u00e4t sei in erster Linie als Quantit\u00e4t pro Zeiteinheit, und setzen auf \u00abZeiteffizienz\u00bb sowie ein quantifizierbares kurzfristiges \u00abReturn on Investment\u00bb.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch es scheint, als ob uns solches eher darin behindert, die Leistung zu vollbringen, f\u00fcr die wir angetreten sind: N\u00e4mlich grunds\u00e4tzliche gesellschaftlich \u00c4nderungen zu erreichen. Und es w\u00fcrde sich die Frage stellen, wie k\u00f6nnen zivilgesellschaftliche Organisationen im kapitalistischen Umfeld ein Leistungsverst\u00e4ndnis leben, das dem urspr\u00fcnglichen Sinn der Leistung &#8211; n\u00e4mlich \u00abSteigerung des Gemeinwohls\u00bb entspricht? Wie aus dem Hamsterrad des immer-mehr ausbrechen? Wie kann der Mindset-Shift von \u00abHuman Resources\u00bb zu \u00abHuman Relations\u00bb geschehen? Denn gute Leistungen im urspr\u00fcnglichen Sinn erbringen vor allem gute, emotional geerdete Teams in einer vitalen Organisation. <br\/><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-media-text is-stacked-on-mobile kf-author-box\" style=\"grid-template-columns:25% auto\"><figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"804\" height=\"528\" src=\"https:\/\/kampagnenforum.ch\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/kuno_portraitbild.jpg\" alt=\"Kuno Roth\" class=\"wp-image-441 size-full\" srcset=\"https:\/\/kampagnenforum.ch\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/kuno_portraitbild.jpg 804w, https:\/\/kampagnenforum.ch\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/kuno_portraitbild-800x525.jpg 800w\" sizes=\"(max-width: 804px) 100vw, 804px\" \/><\/figure><div class=\"wp-block-media-text__content\">\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Unser Autor<\/h2>\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Arbeitet seit drei Jahren als Leiter des globalen Mentoring-Programms bei Greenpeace International. Zuvor war er 25 Jahre lang Bildungsverantwortlicher von Greenpeace Schweiz.<\/p>\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Jahrgang 57, Dr. rer. nat., ehemaliger Chemiker, arbeitet nun als Human\u00f6kologe, Lernspezialist sowie auch Schriftsteller. Neben Kolumnen schreibt er vor allem Gedichte und Aphorismen. Seine letzten Ver\u00f6ffentlichungen sind \u201cIm Rosten viel Neues\u201d (Gedichte, 2016) sowie \u201cAussicht von der Einsicht\u201d (Aphorismen, 2018). Mehr unter <a href=\"https:\/\/prolyrica.ch\/b-b\/kuno-roth\" rel=\"noopener\">https:\/\/prolyrica.ch\/b-b\/kuno-roth<\/a>.<\/p>\n<\/div><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Quelle est votre attitude face \u00e0 la performance ? Avez-vous un avis sur la question ? 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