{"id":92,"date":"2026-02-06T09:39:00","date_gmt":"2026-02-06T08:39:00","guid":{"rendered":"https:\/\/kampagnenforum.ch\/blog\/democracy-dies-darkness-warum-wir-der-schweiz-das-licht-nicht-selbst-ausdrehen\/"},"modified":"2026-11-05T17:15:46","modified_gmt":"2026-11-05T16:15:46","slug":"democracy-dies-darkness-warum-wir-der-schweiz-das-licht-nicht-selbst-ausdrehen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kampagnenforum.ch\/de\/blog\/2026-02-06\/democracy-dies-darkness-warum-wir-der-schweiz-das-licht-nicht-selbst-ausdrehen","title":{"rendered":"Democracy Dies in Darkness \u2013 Warum wir in der Schweiz das Licht nicht selbst ausdrehen d\u00fcrfen"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich erinnere mich noch gut an meine Zeit als Greenpeace Aktivist, an jene N\u00e4chte auf den Weltmeeren, als wir versuchten, Atomm\u00fclltransporte zu stoppen (und dabei auch <a href=\"https:\/\/www.latimes.com\/archives\/la-xpm-1992-11-09-mn-155-story.html\" rel=\"noopener\">mal gerammt wurden<\/a>). Damals wie heute wusste ich: <strong>Ohne die Scheinwerfer der Medien findet unser Kampf in der Dunkelheit statt.<\/strong> Wenn keine Kamera l\u00e4uft und keine Journalistin kritische Fragen stellt, haben die M\u00e4chtigen leichtes Spiel. Das Motto der <em>Washington Post<\/em>, \u00abDemocracy Dies in Darkness\u00bb, war f\u00fcr mich nie nur ein Marketing-Gag, sondern eine Arbeitsgrundlage f\u00fcr uns als Campaigner.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch diese Scheinwerfer flackern gerade gewaltig \u2013 und zwar nicht nur in den USA, sondern auch bei uns in der Schweiz. Wenn wir uns die aktuelle Entwicklung der <em>Washington Post<\/em> unter Jeff Bezos ansehen und sie mit der kommenden <strong>SRG-Halbierungsinitiative<\/strong> am 8. M\u00e4rz 2026 vergleichen, m\u00fcssen wir uns fragen: Sind wir gerade dabei, die mediale Infrastruktur unserer Demokratie mutwillig zu zertr\u00fcmmern?<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Das Lehrst\u00fcck Washington Post: Wenn die Vierte Gewalt zum Spielball wird<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Transformation der <em>Washington Post<\/em> ist ein strategisches Warnsignal. 2013 kaufte Jeff Bezos das Blatt und versprach, die redaktionelle Unabh\u00e4ngigkeit zu wahren. Doch 2024 fiel die Maske. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten blockierte Bezos eine Wahlempfehlung f\u00fcr die Pr\u00e4sidentschaftswahlen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Experten wie Timothy Snyder nennen das <strong>\u00abvorauseilenden Gehorsam\u00bb<\/strong> (<em>anticipatory obedience<\/em>). Bezos hat massive wirtschaftliche Interessen an Regierungsauftr\u00e4gen f\u00fcr Amazon und sein Raumfahrtunternehmen Blue Origin. Indem er die Zeitung anwies, keine klare Kante gegen autorit\u00e4re Tendenzen zu zeigen, hat er die journalistische Integrit\u00e4t seinen Gesch\u00e4ftsinteressen geopfert. Die Folgen waren verheerend:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>Vertrauensverlust:<\/strong> \u00dcber 250.000 Abonnenten k\u00fcndigten innerhalb k\u00fcrzester Zeit \u2013 das sind 10 % der digitalen Basis. Ich geh\u00f6rte w\u00e4hrend der ersten Trump- Pr\u00e4sidentschaft auch selber noch dazu, sp\u00e4ter auch zu denen die gek\u00fcndigt haben.<\/li>\n\n\n<li><strong>Struktureller Abbau:<\/strong> Ein Drittel der Belegschaft wurde diese Woche entlassen, Auslandsb\u00fcros wurden geschlossen.<\/li>\n\n\n<li><strong>Ideologische Einengung:<\/strong> Die Meinungsseite wurde angewiesen, prim\u00e4r \u00abpers\u00f6nliche Freiheiten\u00bb und \u00abfreie M\u00e4rkte\u00bb zu unterst\u00fctzen.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der ehemalige Chefredakteur Martin Baron brachte es auf den Punkt: Er sei \u00abangewidert\u00bb von dieser Entwicklung. Wenn Medien nur noch die Ideologie ihrer Besitzer oder die Interessen von Milliard\u00e4ren spiegeln, verlieren sie ihre Funktion als Kontrollinstanz der M\u00e4chtigen.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Die Schweiz am Scheideweg: Die \u00ab200 Franken sind genug!\u00bb-Falle<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was hat das mit uns zu tun? In der Schweiz haben wir (noch) keinen Jeff Bezos, der die SRG kauft. Aber wir haben eine politische Bewegung, die ein \u00e4hnliches Ziel verfolgt: die <strong>Schw\u00e4chung einer unabh\u00e4ngigen medialen Infrastruktur<\/strong>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Halbierungsinitiative will die Geb\u00fchren von 335 auf 200 Franken senken. Auf den ersten Blick klingt das nach einer netten Ersparnis. Doch als StrategInnen m\u00fcssen wir tiefer blicken. Die SVP folgt hier einem Plan, den rechtspopulistische Parteien in Ungarn oder Polen bereits erfolgreich angewendet haben: <strong>Erst wird die finanzielle Basis entzogen, dann wird die Redaktion auf Linie gebracht<\/strong>. Thomas Matter (SVP) gab bereits offen zu, dass es darum geht, eine aus seiner Sicht \u00abtendenzi\u00f6se Berichterstattung\u00bb zu stoppen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn die Initiative am 8. M\u00e4rz 2026 angenommen wird, drohen der Schweiz massive Konsequenzen:<\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>Massiver Kapazit\u00e4tsverlust:<\/strong> Die SRG w\u00fcrde gegen die H\u00e4lfte ihres Budgets verlieren, was den Abbau von vielleicht 3.000 Stellen zur Folge h\u00e4tte.<\/li>\n\n\n<li><strong>Abbau der regionalen Vielfalt:<\/strong> Redaktionen in den Sprachregionen m\u00fcssten schliessen. Gerade die Minderheiten in der Romandie und der italienischen Schweiz sind auf den solidarischen Finanzausgleich angewiesen.<\/li>\n\n\n<li><strong>Digitaler Suizid:<\/strong> Die Initiative will der SRG verbieten, Online-News anzubieten, die nicht an Sendungen gekoppelt sind. In einer Welt, in der sich die Jungen fast nur noch digital informieren, bedeutet das die schleichende Bedeutungslosigkeit des Service Public.<\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Warum uns das als Campaigner und NPO-F\u00fchrungskr\u00e4fte brennend interessieren muss<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vielleicht denkst du: \u00abIch arbeite f\u00fcr eine Umweltorganisation, was k\u00fcmmert mich die Medienpolitik?\u00bb Ich sage dir: <strong>Es muss dich k\u00fcmmern.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Unsere Arbeit basiert auf einer gemeinsamen Faktenbasis. Wir brauchen Medien, die komplexe politische Vorlagen einordnen. Das Jahrbuch <em>Qualit\u00e4t der Medien 2025<\/em> zeigt ein erschreckendes Bild: Bereits 46,4 % der Schweizer Bev\u00f6lkerung geh\u00f6ren zu den <strong>\u00abNews-Deprivierten\u00bb<\/strong>. Das sind Menschen, die kaum noch journalistische Nachrichten konsumieren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Gruppe hat nachweislich ein geringeres politisches Wissen und ein tieferes Vertrauen in demokratische Institutionen. Wenn wir die SRG schw\u00e4chen, treiben wir noch mehr Menschen in die algorithmisch gesteuerten Filterblasen der sozialen Medien. Dort z\u00e4hlen nicht Fakten, sondern Emotionen und Desinformation. F\u00fcr uns als NPOs wird es dann fast unm\u00f6glich, mit sachlichen Argumenten Geh\u00f6r zu finden.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Was es in der Schweiz zu vermeiden gilt: Drei strategische Lektionen<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vom Fall der <em>Washington Post<\/em> k\u00f6nnen wir drei Fehler ableiten, die wir in der Schweiz unbedingt vermeiden m\u00fcssen:<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">1. Den Marktglauben \u00fcber den demokratischen Auftrag stellen<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In den USA sieht man, wohin ein rein marktgetriebenes System f\u00fchrt: Es entstehen \u00abNews Deserts\u00bb, und die verbleibenden Titel werden zu Spielballen von OligarchInnen. Wir d\u00fcrfen nicht glauben, dass private Anbieter die L\u00fccke f\u00fcllen werden. In einem kleinen, viersprachigen Markt ist qualitativer Informationsjournalismus schlicht nicht profitabel genug.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">2. Die Unabh\u00e4ngigkeit durch finanziellen Erstickungstod opfern<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vorauseilender Gehorsam entsteht dort, wo Existenzangst herrscht. Wenn Redaktionen st\u00e4ndig um ihr Budget bangen m\u00fcssen, sinkt der Mut zur kritischen Berichterstattung. Die SRG muss finanziell so ausgestattet sein, dass sie es sich leisten kann, den M\u00e4chtigen auf die Finger zu schauen \u2013 ohne Angst vor der n\u00e4chsten K\u00fcrzungsrunde.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">3. Den Anschluss an die digitale Realit\u00e4t verlieren<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die SRG-Initiative will den Service Public im digitalen Raum kastrieren. Das ist strategischer Wahnsinn. Wir m\u00fcssen sicherstellen, dass qualitativ hochwertige Informationen dort sind, wo die Menschen sind: auf dem Smartphone. Wer der SRG das Online-Mandat entzieht, \u00fcberl\u00e4sst die Deutungshoheit \u00fcber unsere Demokratie den Tech-Giganten aus dem Silicon Valley.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Fazit: Kampagne f\u00fcr die Wahrheit<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Abstimmung im M\u00e4rz 2026 ist keine blosse Geb\u00fchrendebatte. Es ist eine <strong>Richtungsentscheidung \u00fcber die informationelle Sicherheit der Schweiz<\/strong>. Wenn die Scheinwerfer des Service Public erl\u00f6schen, stirbt auch ein St\u00fcck unserer direkten Demokratie.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir beim Kampagnenforum wissen, wie man Aufmerksamkeit generiert und Mobilisierung betreibt. Wir wissen aber auch, dass ein medialer Service Public die Grundvoraussetzungen sch\u00fctzt, die Campaigning \u00fcberhaupt erst m\u00f6glich machen. <strong>Wer die Demokratie sch\u00fctzen will, muss ihre Informationstr\u00e4ger sch\u00fctzen.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Lass uns verhindern, dass die Schweiz ihr eigenes \u00abDarkness\u00bb-Szenario erlebt. Wir brauchen ein starkes, unabh\u00e4ngiges Mediensystem \u2013 heute mehr denn je.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Andreas Freim\u00fcller<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Warum Milliard\u00e4re, die Medienh\u00e4use besitzen, keine gute Nachricht sind<\/p>\n","protected":false},"author":6,"featured_media":1447,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[4],"tags":[],"class_list":["post-92","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-oeffentlichkeit-pr-lobbying"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kampagnenforum.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/92","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/kampagnenforum.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kampagnenforum.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kampagnenforum.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/6"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kampagnenforum.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=92"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/kampagnenforum.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/92\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6001,"href":"https:\/\/kampagnenforum.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/92\/revisions\/6001"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kampagnenforum.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1447"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kampagnenforum.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=92"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kampagnenforum.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=92"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kampagnenforum.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=92"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}