{"id":1653,"date":"2025-08-07T16:10:00","date_gmt":"2025-08-07T14:10:00","guid":{"rendered":"https:\/\/kampagnenforum.ch\/blog\/2025-08-07\/zukunft-erleben-statt-vergangenheit-bestaunen-mehr-open-air-zukunftsmuseen"},"modified":"2026-10-12T18:19:22","modified_gmt":"2026-10-12T16:19:22","slug":"zukunft-erleben-statt-vergangenheit-bestaunen-mehr-open-air-zukunftsmuseen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kampagnenforum.ch\/de\/blog\/2025-08-07\/zukunft-erleben-statt-vergangenheit-bestaunen-mehr-open-air-zukunftsmuseen","title":{"rendered":"Zukunft erleben statt Vergangenheit bestaunen"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vor einigen Wochen f\u00fchrte mich eine Veloreise in eine italienische Stadt, die im Reisef\u00fchrer als besonders sehenswert und reizvoll gepriesen wurde. Dieser bot zahlreiche Informationen zu den geschichtstr\u00e4chtigen Bauwerken der Stadt \u2013 ein Dom, eine Burg, zwei Basiliken, f\u00fcnf Kirchen sowie weitere historische Sehensw\u00fcrdigkeiten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das habe ich mir angeschaut. Und so wie ich verhalten sich wohl die meisten Tourist:innen, kommen sie in eine besuchenswerte Stadt. Sie schauen sich vor allem die Vergangenheit an: Erfahren in Museen \u00fcber Schlachten und Trachten oder in Burgen und Kathedralen deren Herrschaftsgeschichten. Heute, ein paar Wochen sp\u00e4ter, erinnere ich noch, dass in einer Basilika, die zu Ehren eines Papstes gebaut wurde, der aus der Region stammte, jedes Jahr am 28. August die Seitenpforte f\u00fcr eine Zelebration ge\u00f6ffnet wird. Dieser Papst lebte im 13. oder 15. Jahrhundert. Weiter mag ich mich entsinnen, dass die Burg von spanischen Eroberern etwa im 14. Jahrhundert gebaut worden ist. Es waren die Aragonier. Von der einen Kirche, die ich fotografierte, habe ich noch ein Bild. Den Rest habe ich so ziemlich vergessen. Sich Jahrzahlen, Papstnamen und Kirchenbezeichnungen zu merken, ist nicht allen gegeben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und als ich auf der Tourismus-Information fragte, ob es auch etwas aus der Zukunft zu besichtigen g\u00e4be, wurde ich angewiesen, einen QR-Code zu scannen, mit dem ich zu einem virtuellen Stadtrundgang gelangte, mit dem man bequem die historischen Bauten besichtigen konnte. Das war f\u00fcr sie offenbar Zukunft.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und ausserhalb der St\u00e4dte besichtigen Tourist:innen oft Ruinen, z.B. von Etruskern, Reste von Pfahlbau-Siedlungen, Steinhaufen von Kelten oder r\u00f6mische Amphitheater. Das zu sehen, ist eindr\u00fccklich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eindr\u00fccklich ist auch, dass dies Millionen von Tourist:innen tun. Jede Woche. Von Angkor Wat \u00fcber Machu Picchu, vom Petersdom \u00fcber das Brandenburger Tor und bis zum Schloss Versailles: Sie besichtigen die Vergangenheit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nichts gegen Basilikas, Museen und Gedenkst\u00e4tten. Allgemeinbildung ist gut. Doch irgendwie irritert es mich auch. Diese Ausschliesslichkeit Vergangenes zu zeigen bzw. besichtigen zu gehen, ist ja eigentlich eigenartig. Insbesondere angesichts der Zust\u00e4nde des Heute und dem sich anbahnenden Unheilvollen des Morgens. Ich vermisse zwei Dinge: Was kann aus einer so oder so dargestellten Vergangenheit allenfalls gelernt werden? Und was kann von der Zukunft, abgesehen von digitalen Gadgets, bereits heute angeschaut und erlebt werden?<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Warum gibt es keine Zukunftsmuseen?<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Warum existieren keine Museen, die m\u00f6gliche Zuk\u00fcnfte nicht nur ausstellen, sondern sie im Kleinen erlebbar machen &#8211; und damit im Grossen erahnbar? Ein solches Open Air Zukunftsmuseum w\u00e4re mehr als ein Schauraum, es w\u00e4re integriert in die Stadt oder Region und k\u00f6nnte als Inspirationsquelle dienen, mit dem Besucher:innen konkrete Zukunftsbilder greifen und begreifen k\u00f6nnen. Warum gibt sich nicht jede Stadt und jedes Museum die Aufgabe, sichtbar zu machen, wie sich Zukunft bereits heute in ihrem Umfeld zeigt, welche Visionen entstehen und welche Herausforderungen zu meistern sind? Also etwa Sch\u00fctzenmuseen, die Resultate der Friedensforschung pr\u00e4sentieren, Stadtrundg\u00e4nge, die ganz selbstverst\u00e4ndlich auch an Projekten der Schwammstadt und nachhaltigen Siedlungen vorbeif\u00fchren, Reisef\u00fchrer, die enkeltaugliche Regionalprojekte vorstellen. Doch bislang endet der Zeithorizont des Dargestellten in der Gegenwart, z.B. in Form von Wander- und Entdeckungsvorschl\u00e4gen. Doch Museen, Rundg\u00e4nge und Gedenkst\u00e4tten k\u00f6nnten auch als Auch-Raum fungieren, wo Zukunft gedacht, gestaltet und erlebt werden kann.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In Einzelf\u00e4llen l\u00e4sst sich der Zukunftsblick in Ans\u00e4tzen indes bereits entdecken. Ein Beispiel w\u00e4re etwa das Freilichtmuseum Ballenberg, das mit Bezug auf die Vergangenheit etwas Zukunft zeigt, z.B. mit Biodiversit\u00e4t in Bauerng\u00e4rten. Freilich mit Luft nach oben. Zeigen k\u00f6nnte man vielleicht, was aus fr\u00fcheren Handwerken und Bauweisen im Heute und Morgen noch oder wieder relevant werden k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vier weitere Beispiele solcher Vorboten:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><p>Das Naturhistorische Museum Bern hat mit seiner Ausstellung \u00abInsektensterben? Alles wird gut\u00bb zu zeigen versucht, wie es in 30 Jahren sein kann, ergreifen wir heute die richtigen Massnahmen zum Schutz der Insekten.<\/p><\/li>\n\n\n<li><p>Das Projekt \u00ab<a href=\"https:\/\/www.systemic-cycles.org\/\" rel=\"noopener\">Systemic -Cycles<\/a>\u00bb als spezielle Form des Velotourismus: Regionen er-fahren und Projekte und Produktionst\u00e4tten besichtigen, die der nachhaltigen Entwicklung verpflichtet sind, in Austausch treten und sich f\u00fcr Projekte in der eigenen Region inspirieren lassen (mehr im Kasten).<\/p><\/li>\n\n\n<li>Anders gelagert, aber auch mit der Absicht, nachhaltigen, regionalen Tourismus zu f\u00f6rdern, ist die <a href=\"https:\/\/www.phaenomena.ch\/\" rel=\"noopener\">Ph\u00e4nomena<\/a> &#8211; ein mobiler Erlebniscampus, der Naturph\u00e4nomene und komplexe Zusammenh\u00e4nge (demn\u00e4chst) erfahrbar macht, nach dem Motto: Erleben, Staunen und Verstehen.<\/li>\n\n\n<li><p>Das<a href=\"https:\/\/www.visitberlin.de\/de\/event\/zukuenfte-entdecken-die-ausstellung-im-futurium\" rel=\"noopener\"> Futurium<\/a> in Berlin ist ein 2019 geschaffenes Haus, das Besucher:innen aller Altersgruppen einl\u00e4dt, sich mit unterschiedlichen Zukunftsentw\u00fcrfen interdisziplin\u00e4r auseinanderzusetzen. Es gibt Raum f\u00fcr Visionen und Ans\u00e4tze aus der Wissenschaft zur L\u00f6sung zentraler Zukunftsherausforderungen.<\/p><\/li>\n\n\n<li><p>Das \u2018<a href=\"https:\/\/www.deutsches-museum.de\/nuernberg\" rel=\"noopener\">Deutsches Museum N\u00fcrnberg \u2013 Das Zukunftsmuseum<\/a>\u2019 stellt neben historischen Exponaten Prototypen, Innovationen und Zukunftstechnologien aus und damit Utopien und Dystopien vor. Besucher:innen k\u00f6nnen interaktiv erleben, wie k\u00fcnftige Entwicklungen unser Leben pr\u00e4gen k\u00f6nnten \u2013 inklusive der damit verbundenen ethischen Fragenstellungen.<\/p><\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zukunftsmuseen und -ausstellungen auf der Ebene \u00abnachhaltige Technik\u00bb gibt es schon l\u00e4nger, wie etwa die<a href=\"https:\/\/www.umweltarena.ch\/\" rel=\"noopener\"> Umweltarena<\/a> in Spreitenbach oder das \u2018<a href=\"https:\/\/museumofthefuture.ae\/en\" rel=\"noopener\">Museum of the Future<\/a>\u2019 in Dubai. Das ist durchaus interessant. Doch im Grunde steht \u00fcber allem die Frage, wie wollen wir Menschen k\u00fcnftig jenseits bzw. diesseits digitaler Green-Tech-Visionen leben?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich denke, ein zukunftsweisendes Gesch\u00e4ftsmodell f\u00fcr Museen, Gedenkst\u00e4tten und Tourismus im Allgemeinen mit Lern-Br\u00fccken zwischen Vergangenem und Zuk\u00fcnftigem und einem Br\u00fcckenpfeiler im Heute sollte m\u00f6glich sein.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Systemic-Cycles<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>In den Neunzigerjahren fuhr eine Gruppe mit Jugi-Tours auf dem Velo durch die Schweiz und ins nahe Ausland. Mitgr\u00fcnder Martin Sch\u00fctz fiel dabei im n\u00f6rdlichen Piemonte auf, wie wenig man \u00fcber die Menschen, ihre Lebensweise und die Geschichte(n) der durchquerten Region mit vielen verfallenen Hallen der einst bl\u00fchenden Textilindustrie erfuhr. Nichts dar\u00fcber, was da fr\u00fcher war, was heute ist und kommen mag. Die Idee von \u2018Systemic Cycles\u2019 war entstanden: Statt konsumierenden Tourismus soll aktives, neugieriges Unterwegssein im Vordergrund stehen \u2013 meist mit dem Velo, manchmal zu Fuss oder zu Wasser. Ziel ist es, mehr \u00fcber die Region, ihre Bewohner:innen, die lokalen Zusammenh\u00e4nge, die regionale Kreisl\u00e4ufe, zu Landnutzung, Wirtschaft und Wandel zu erfahren. Durch Austausch mit Einheimischen \u2013 geplant oder zuf\u00e4llig getroffen &#8211; sollen Denkanst\u00f6sse geschaffen und das Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Gegend vertieft werden. Systemic Cycles schafft damit ein vielschichtiges Abbild einer Region, das mentale, messbare und gef\u00fchlte Komponenten enth\u00e4lt und den Zugang zur bereisten Gegend erweitert.<\/em><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-media-text is-stacked-on-mobile kf-author-box\" style=\"grid-template-columns:25% auto\"><figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"616\" height=\"616\" src=\"https:\/\/kampagnenforum.ch\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/kuno-seelensee-square.jpg\" alt=\"Kuno Roth, Autor von \u00abSeelensee\u00bb\" class=\"wp-image-1209 size-full\"\/><\/figure><div class=\"wp-block-media-text__content\">\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Unser Gastautor<\/h2>\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Kuno Roth schreibt nicht nur Kolumnen, sondern auch Gedichte: Sein siebter Lyrikband \u2013 \u00ab<\/em><a href=\"https:\/\/www.prolyrica.com\/#cc-m-product-19251267825\" title=\"(opens in a new window)\" rel=\"noopener\"><em><strong>seelensee \u2013 gedichte zu inneren und \u00e4usseren landschaften<\/strong><\/em><\/a><em>\u00bb \u2013 erschien im November bei PRO LYRICA: 100 feinsinnige, aufbauende Gedichte \u00fcber vielf\u00e4ltiges Natur-Erleben. \u00abBodennah mit Tiefe\u00bb, meint der Verlag dazu. \u00abSowohl D\u00fcnger als auch feine Hacke zum Sch\u00fcrfen im Seelengarten\u00bb findet eine Leserin. <\/em><br\/><em>Der kleine Band eignet sich auch bestens als Geschenk. <\/em><a href=\"https:\/\/www.prolyrica.com\/#cc-m-product-19251267825\" title=\"(opens in a new window)\" rel=\"noopener\"><em>HIER KLICKEN<\/em><\/a><em> und bestellen.<\/em><\/p>\n<\/div><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Warum existieren keine Museen, die m\u00f6gliche Zuk\u00fcnfte nicht nur ausstellen, sondern sie im Kleinen erlebbar machen &#8211; und damit im Grossen erahnbar? 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