{"id":1610,"date":"2023-06-12T15:50:00","date_gmt":"2023-06-12T13:50:00","guid":{"rendered":"https:\/\/kampagnenforum.ch\/blog\/2023-06-12\/vom-vom-zum-zum"},"modified":"2026-10-12T18:19:21","modified_gmt":"2026-10-12T16:19:21","slug":"vom-vom-zum-zum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kampagnenforum.ch\/de\/blog\/2023-06-12\/vom-vom-zum-zum","title":{"rendered":"Vom Vom &#8211; zum Zum"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">F\u00fcr gesellschaftlichen Wandel von der hypnosystemischen Therapie lernen<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Gebaren der \u00abwestlichen Gesellschaft\u00bb erinnert an einen Menschen, der schwer krank ist, das aber selber nicht anerkennt. Fieber, Kopfschmerzen, Bluthochdruck, \u00dcbergewicht und Depression sind f\u00fcr ihn Symptome, die es halt gibt und die vor\u00fcbergehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dass dem nicht so ist, sondern die Krankheiten zunehmen, wissen wir Engagierten und versuchen deshalb, mit Kampagnen gewissermassen gesundheitlich zu intervenieren. Die traditionelle Art des Campaignings l\u00e4sst sich vergleichen mit dem Bem\u00fchen, dem Patienten zu zeigen, was er falsch macht und ihn zu ges\u00fcnderen Verhaltensweisen zu dr\u00e4ngen. So soll er zum Beispiel weniger dick machenden Regenwald essen, aufh\u00f6ren, Benzin und Heiz\u00f6l zu bechern; und ausserdem Fleisch, Flugzeug und Plastik meiden. Man verschreibt ihm viele Di\u00e4ten. Als Folge beschleicht den Patienten zwar bisweilen ein schlechtes Gewissen, doch kurz darauf wendet er sich wieder dem K\u00fchlschrank zu. Und hat man ihm diesen einer Di\u00e4t wegen versiegelt, weicht er auf die Vorr\u00e4te des Nachbarn aus.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Solches Campaigning gleicht jener Schulmedizin, die den Patienten mit der Diagnose konfrontiert und Angebote macht, die auf der Annahme basieren, ein Abh\u00e4ngiger, z.B. ein Raucher, komme durch rationale Erkl\u00e4rungen zur Einsicht. Das gelingt dem Campaigning wie der Schulmedizin eher selten. Blicken wir auf die letzten Jahrzehnte Kampagnenarbeit zur\u00fcck, sind \u00abschulmedizinische Erfolge\u00bb jedenfalls eher die Ausnahme denn die Regel.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">vom Vom<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine andere, seltenere Art des Campaignings ist die L\u00f6sungsorientierung mit systemischen Blick. Statt dem Patienten das Problem wiederholt unter die Nase zu reiben, sp\u00fcrt man mit ihm gute Verhaltensweisen auf. Diese sind bereits ansatzweise vorhanden \u2013 kein Kranker verh\u00e4lt sich immer nur krankmachend. L\u00f6sungsorientierung heisst nicht, Probleme zu leugnen. Jede L\u00f6sung braucht ja ein Problem; einzig der Fokus verschiebt sich weg vom Problem hin auf die eigenen Kompetenzen und Gef\u00fchle.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der Psychotherapie gibt es die hypnosystemische Therapie \u2013 eine Form der Therapie, die sich dadurch auszeichnet, dass sie sich auf die vorhandenen Kompetenzen sowie den inneren Dialog der Patient:innen konzentriert. \u00abHypno\u00bb meint dabei nicht, dass Hypnose zum Einsatz kommt \u2013 das kann sein &#8211; sondern dass man wie in Trance in einer Verhaltensmuster-Rinne steckt. Die hypnosystemische Herangehensweise sieht die Symptome als Ausdruck von nicht gegl\u00fcckten L\u00f6sungsversuchen und erforscht die Gr\u00fcnde, weshalb sich eine Person so und nicht anders verh\u00e4lt und versucht so herauszufinden, welcher innere Dialog zu den Symptomen f\u00fchrt. Man geht also davon aus, dass bei einem Problem-Erleben die verschiedenen \u00abinneren Anteile\u00bb einer Person nicht kooperieren \u2013 vergleichbar mit unterschiedlichen Meinungen in einer Gruppe. Zwar braucht es ein Leiden als Ausl\u00f6ser f\u00fcr die Suche nach L\u00f6sungsans\u00e4tzen; doch geht es nicht prim\u00e4r darum, das Leid zu ergr\u00fcnden, sondern welche Bed\u00fcrfnisse dahinter liegen und die vorhandenen Ressourcen zu erkennen und freizulegen: Damit beginnt die Heilungsreise, die aus dem Loch f\u00fchrt. Es wird sozusagen ausserhalb des Lochs nach Licht gesucht, statt mit Licht die Tiefe des Lochs zu zeigen [1].<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Umweltschutz hiesse das, dem \u00abgr\u00fcnen Impuls\u00bb, ein umweltsch\u00e4dliches Verhalten (also ein Symptom) moralisch zu bewerten, zu widerstehen. Und stattdessen dieses sozusagen als Anliegen innerer Stimmen &#8211; darunter starke wie jene der Gewohnheit, Bequemlichkeit oder Angst &#8211; zu respektieren und nach L\u00f6sungen zu suchen. Also nicht zu verurteilen, sondern davon ausgehen, dass alle leben und die Welt erhalten wollen. So gesehen w\u00e4ren Andersdenkende zu wenig ber\u00fccksichtigte Anteile, die beharrlich krank machen, weil ihre Bed\u00fcrfnisse nicht oder zu wenig ber\u00fccksichtigt werden. Das ist die Theorie und schneller gesagt als in die Praxis umgesetzt, doch als Denkanstoss vielleicht hilfreich.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">zum Zum<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der hypnosystemischen Therapie wird das zwar selten, aber doch auftretende stimmige Verhalten oder Handeln dadurch verst\u00e4rkt, dass dieses wiederholt erlebbar gemacht wird. Dadurch, und mit dem Erforschen des inneren Dialogs, kommt ein Patient aus seiner Leiden verursachenden Musterrinne in ein neues, kraftgebendes Verhalten. Ausgegangen wird dabei von der Beschreibung des Wunschzustandes: Mit welcher Metapher w\u00fcrde der Patient diesen ausdr\u00fccken? Dieses Narrativ ist wie das Licht am Ende des Tunnels, mit dem man aus dem negativen Sog herausfindet. Grundlegend f\u00fcr den Therapieerfolg ist die Neugierde und das echte Interesse der Therapeutin am Patienten, ihre Unvoreingenommenheit und respektvolle Haltung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Stellt man sich nun also Campaigning als gesellschaftliche Therapie vor, k\u00f6nnte man versuchen, hypnosystemische Ans\u00e4tze auf gesellschaftliche Gruppen zu \u00fcbertragen. Nach dem Motto: Suche nach Lichtblicken und verbreite oder verst\u00e4rke sie. Das heisst, die Probleme der Patientin \u00abwestliche Gesellschaft\u00bb w\u00fcrden nicht mehr direkt angesprochen, sondern thematisiert w\u00fcrden die Bed\u00fcrfnisse und sich daraus ergebende L\u00f6sungen.<br\/>\nDabei ist darauf zu achten, dass das \u00abtherapeutische Kampagnensetting\u00bb von einem partnerschaftlichen Austausch unter Stakeholdern ausgeht. Beispielsweise w\u00fcrde dann auf dem Weg zu einer pestizidarmen Landwirtschaft ein pestizideinsetzender Bauer nicht verurteilt, sondern es w\u00fcrde &#8211; neugierig und urteilsfrei &#8211; ergr\u00fcndet, warum er das macht, obwohl er weiss, dass es nicht gesund ist. Was geschieht in seinem inneren Team? Was braucht seine \u00e4ngstliche Stimme, die um die Existenz f\u00fcrchtet? Ber\u00fccksichtigt wird das System, in dem er aufgewachsen ist und lebt. \u00c4ngste ernst nehmen und nicht dar\u00fcber hinweggehen, w\u00e4re der hypnosystemische Weg. Und wohlgemerkt, respektieren heisst nicht akzeptieren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nota bene: Nat\u00fcrlich leiden die Bauern, die Pestizide einsetzen, nicht unbedingt darunter und suchen ergo keine \u2018Therapie\u2019. Trotzdem: unvoreingenommen zuh\u00f6ren, echt neugierig sein und nicht schon wissen, was das Richtige f\u00fcr ihn ist, geht auch ohne Therapie (siehe Kolumne \u00ab<a href=\"https:\/\/www.kampagnenforum.ch\/de\/blog\/2020-07-20\/fragen-statt-sagen-0\">Fragen statt sagen<\/a>\u00bb). Andern partnerschaftlich und nicht paternalistisch zu begegnen, bereitet vielen Engagierten oftmals Schwierigkeiten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sowohl direktive wie auch hypnosystemische Therapeut:innen wollen den Patienten im Prinzip weg \u00abvom Vom\u00bb hin \u00abzum Zum\u00bb bringen. Letztere vertreten den Standpunkt, das gehe nachhaltig nur, wenn der Patient das selbst auch will. Direktive hingegen meinen, der Leidensdruck m\u00fcsse verbal erh\u00f6ht werden, damit der Patient <em>zum Zum<\/em> aufbreche. Doch dieser neue Zustand klingt nur dann als erstrebenswert, wenn er mit Lustgewinn verbunden und erreichbar scheint. Der Zielzustand <em>Zum<\/em> wirkt ausserdem attraktiver, wenn der erste Schritt aufwandsarm gegangen werden kann und das <em>Vom<\/em> noch nicht ganz aufgegeben werden muss. Denn in diesem Ausgangszustand wohnt die Macht der Gewohnheit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das <em>Zum<\/em> dagegen ist fremd, und Fremdes macht zuerst einmal Angst. Dem Fremden durch Ann\u00e4hern und \u00dcben das Angstmachende nehmen, w\u00e4re hypnosystemisches Campaigning: Gemeinsames Interesse f\u00fcr die Vision wecken und sie erlebbar machen. \u00c4ngste w\u00fcrdigen und Ablehnung neugierig erforschen &#8211; beides enth\u00e4lt viel Information. Gemeinsames Rudern l\u00e4sst diese \u00abSymptomtr\u00e4ger:innen\u00bb im Boot bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit herzlichem Dank an Christine Steiner f\u00fcr die fachlichen Inputs und Anmerkungen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">(1) Hypnosystemische Therapie geht also nicht von \u00abKrankheit\u00bb aus, sondern sucht nach dem Sinn hinter einem Verhalten des Symptomtr\u00e4gers innerhalb eines menschlichen Systems. Mehr: <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Hypnosystemische_Therapie\" rel=\"noopener\">https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Hypnosystemische_Therapie<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">(2) \u00c4hnlich ist die \u00abAppreciative Inquiry\u00bb Methode: Diese \u00abwertsch\u00e4tzende Untersuchung\u00bb sucht mit Fragen das, was schon funktioniert und gut ist in einer Gemeinschaft, sichtbar und bewusst zu machen. Das gibt Energie und st\u00e4rkt ihre Vitalit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-media-text is-stacked-on-mobile kf-author-box\" style=\"grid-template-columns:25% auto\"><figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"579\" height=\"371\" src=\"https:\/\/kampagnenforum.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/klimavista-kurt-roth.jpg\" alt=\"Kuno Roth \u00abKlima Vista\u00bb\" class=\"wp-image-725 size-full\"\/><\/figure><div class=\"wp-block-media-text__content\">\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Unser Autor<\/h2>\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>arbeitete zuletzt als Leiter des globalen Mentoring- und Coaching-Programms bei Greenpeace International. Zuvor war er 25 Jahre lang Bildungsverantwortlicher von Greenpeace Schweiz. Frisch pensioniert, ist er weiterhin als Berater t\u00e4tig und amtet zudem als Co-Pr\u00e4sident von <\/em><a href=\"https:\/\/solafrica.ch\/\" rel=\"noopener\"><em>Solafrica<\/em><\/a><em>.<\/em><\/p>\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Jahrgang 57, Dr. rer. nat., ehemaliger Chemiker, nunmehr Human\u00f6kologe, Lernspezialist sowie Schriftsteller. Neben <\/em><a href=\"https:\/\/www.kampagnenforum.ch\/de\/taxonomy\/term\/84?page=1\"><em>Kolumnen<\/em><\/a><em> schreibt er vor allem Gedichte und Aphorismen. Seine letzten Ver\u00f6ffentlichungen sind \u00abIm Rosten viel Neues\u00bb (Gedichte, 2016), \u00abAussicht von der Einsicht\u00bb (Aphorismen, 2018) sowie <\/em><a href=\"https:\/\/www.prolyrica.com\/neuerscheinungen\/klima-vista\/\" rel=\"noopener\"><em>\u2039KL!MA VISTA \u2013 Die Schneefallgrenze steigt\u203a <\/em><\/a><em>(2. Aufl. 2022, bei <\/em><a href=\"https:\/\/prolyrica.ch\/lesung-mit-kuno-roth\/\" rel=\"noopener\"><em>Pro Lyrica<\/em><\/a><em>).<\/em><\/p>\n<\/div><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fremdes macht zuerst einmal Angst. Dem Fremden durch Ann\u00e4hern und \u00dcben das Angstmachende nehmen, w\u00e4re hypnosystemisches Campaigning. Wie das funktioniert, erkl\u00e4rt Kuno Roth.<\/p>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":1098,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[6],"tags":[72],"class_list":["post-1610","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-fuehrungs-teamentwicklung","tag-kolumne-kuno-roth"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kampagnenforum.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1610","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/kampagnenforum.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kampagnenforum.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kampagnenforum.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kampagnenforum.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1610"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/kampagnenforum.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1610\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3961,"href":"https:\/\/kampagnenforum.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1610\/revisions\/3961"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kampagnenforum.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1098"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kampagnenforum.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1610"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kampagnenforum.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1610"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kampagnenforum.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1610"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}