{"id":1581,"date":"2022-08-23T12:36:00","date_gmt":"2022-08-23T10:36:00","guid":{"rendered":"https:\/\/kampagnenforum.ch\/blog\/2022-08-23\/welche-andere-forschung-also-teil-2"},"modified":"2026-10-12T18:19:20","modified_gmt":"2026-10-12T16:19:20","slug":"welche-andere-forschung-also-teil-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kampagnenforum.ch\/de\/blog\/2022-08-23\/welche-andere-forschung-also-teil-2","title":{"rendered":"Welche andere Forschung also? (Teil 2 von 2)"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Welche andere Forschung also?<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>F\u00fcr die notwendige gesellschaftliche Weichenstellung brauchen wir, wie im <\/strong><a href=\"https:\/\/www.kampagnenforum.ch\/de\/blog\/2022-08-23\/klimaforschung-auf-eis-legen-teil-1-von-2\"><strong>1. Teil der Kolumne<\/strong><\/a><strong> dargelegt, keine weitere naturwissenschaftliche Klimaforschung. Wir wissen genug. Sie kann auf Eis gelegt werden.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Womit wir uns befassen m\u00fcssen ist, wie wir den Wandel real in Gang setzen k\u00f6nnen. Da hilft uns die Naturwissenschaft nicht weiter, wohl aber empirische, transformative, sozialpsychologische und verhaltens\u00f6konomische Forschung. Eine wichtige Einsicht aus dieser Forschung ist seit l\u00e4ngerem bekannt: Es ist nicht das Wissen und die Information, die zum gesellschaftlichen Wandel f\u00fchren, sondern vielmehr \u201cpsychologisch-emotionale\u201d Mechanismen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein paar Beispiele aus solcher Transformationsforschung:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Die Br\u00fcder Chip und Dan Heath haben 50 F\u00e4lle von realem Wandel untersucht und daraus das Transformationsmodell \u00abElephant \u2013 Rider \u2013 Path\u00bb entwickelt. Es besagt: Erst wenn der tr\u00e4ge Elefant erkennt, dass die ersten Schritte machbar sind, ist er bereit, dem Weg zum Ziel zu folgen, das der Reiter anstrebt (mehr dazu: <a href=\"https:\/\/www.kampagnenforum.ch\/de\/blog\/2021-07-12\/entlernen-zwar-einfach-aber-nicht-leicht\">Entlernen &#8211; einfach aber nicht leicht<\/a>).<\/li>\n\n\n<li>Transition-Town-Bewegung: 2007 in Totnes (UK) gegr\u00fcndet ist sie mittlerweile in \u00fcber 1000 St\u00e4dten in 40 L\u00e4ndern aktiv. Wie \u00abTransition\u00bb gelingt, hat unter anderem Rob Shorter erforscht. Er hat am Schumacher College dazu 2020 doktoriert und herausgefunden, dass eine Urkraft des Wandels die Imagination, also das \u00abWas w\u00e4re wenn?\u00bb ist (\u201cWhat if?\u201d). Um von der Vorstellung zur effektiven Transformation zu kommen, so Rob Shorter, m\u00fcssen vier Elemente vorhanden sein: 1. \u00abSpace\u00bb &#8211; mentale R\u00e4ume zur Imagination. 2. \u00abPlace\u00bb &#8211; Orte der Begegnung. 3. \u00abPractices\u00bb \u2013 Praxis, die verbindet. 4. \u00abPacts\u00bb \u2013 Koalitionen, die Imagination in kommunalen Wandel \u00fcberf\u00fchren (<a href=\"https:\/\/www.robhopkins.net\/2020\/06\/30\/introducing-the-imagination-sundial\/\" rel=\"noopener\">mehr hier<\/a> und <a href=\"https:\/\/transitionsnetwork.org\/\" rel=\"noopener\">Forschungsnetzwerk<\/a>).<\/li>\n\n\n<li>Und zum Dritten jene Forschung, die die Mechanismen erfolgreicher, das heisst breit wirkender sozial-\u00f6kologischer Gesch\u00e4ftsmodelle untersucht. Ein Beispiel daf\u00fcr ist die Solarrevolution im ruralen Bangladesh, bei der binnen eines Jahrzehnts die Zahl der Solar-Homesysteme von null auf vier Millionen wuchs und die 25\u2018000 Arbeitspl\u00e4tze schuf. Dieser Erfolg beruht darauf, dass die lokalen Solar-Unternehmen die Bed\u00fcrfnisse der Landbev\u00f6lkerung befriedigen konnten, wie die Mikrokredit-Expertin Nancy Wimmer in ihrem Buch &#171;The Marketmakers\u00bb schreibt. Ihre Erkenntnis: Dass sich eine  solcher Marktansatz nicht auf ein Land und ein Produkt beschr\u00e4nkt, sondern \u00fcbertragen werden k\u00f6nnte, ist eine ihrer wichtigsten Erkenntnisse (<a href=\"https:\/\/wave.greenpeace.org\/waveV2public\/sites\/default\/files\/attachments\/Blog_Buchrezension_The%20Marketmakers.pdf\" rel=\"noopener\">Zusammenfassung des Buchs<\/a>).<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Ein anderer Ansatz: Gl\u00fccksforschung<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Streben nach Gl\u00fcck und Zufriedenheit geh\u00f6rt zum Menschsein. Und eine nachhaltig zufriedene Gesellschaft lebt sozial- und umweltvertr\u00e4glicher. Freilich kann aber Gl\u00fcck nicht geplant werden. Beeinflussbar sind gem\u00e4ss Gl\u00fccksforschung hingegen die Voraussetzungen f\u00fcr Zufriedenheit, n\u00e4mlich:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Selbstwirksamkeit und Sozialkapital: konzentriertes Tun, k\u00f6rperliche Bet\u00e4tigung, in der Natur sein, Hobbies, gute Sozialkontakte, intakte Familie, erf\u00fcllende Partnerschaft.<\/li>\n\n\n<li>Wohlbefinden: Gesundheit, Bildung, Alleinsein k\u00f6nnen, Geborgenheit, Spiritualit\u00e4t, guter Arbeitsplatz.<\/li>\n\n\n<li>Menschliche Qualit\u00e4ten, wie Fairness, Mitgef\u00fchl, Bescheidenheit, Begeisterung, kommunikative F\u00e4higkeiten, Neugierde, Widerstandskraft, Humor.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Um konsumistisches Schein-Gl\u00fcck einzud\u00e4mmen, gilt es bei der Lebenszufriedenheit anzusetzen. Das heisst, die Erz\u00e4hlung der Lebensqualit\u00e4t dem vorherrschenden Narrativ \u00abGl\u00fcck = Geld = Konsum\u00bb entgegenstellen. Verzicht nimmt nicht, er gibt. So bilanziert eine Metastudie (Tages Anzeiger vom 16.12.21), dass das, was gesund macht \u2013 weniger essen, mehr Bewegung \u2013, gut bzw. besser angenommen wird, wenn damit das Selbstwirksamkeitsgef\u00fchl oder das \u201cSozialkapital\u201d gest\u00e4rkt werden.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Eine weitere psychologische Forschung<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein letztes Beispiel: Erkenntnisreich ist die Forschung des Psychologen Richard Wiseman, der die \u2018weichen\u2019 Erfolgsfaktoren des US-amerikanischen Raumfahrtprogramms \u00abApollo\u00bb untersuchte. Er wollte herausfinden, wie es <em>psychologisch<\/em> m\u00f6glich war, das eigentlich Unm\u00f6gliche zu schaffen und auf dem Mond zu landen. Denn beim Programmstart 1961 hatte es der l\u00e4ngste bemannte Flug gerade mal auf 187 Kilometer \u00fcber Meer geschafft. Doch tats\u00e4chlich: Der Mond, 350\u2019000 Kilometer entfernt, wurde 1969 vom ersten Menschen betreten. Wiseman hat in Archiven recherchiert und Beteiligte interviewt, um die psychologischen Erfolgsfaktoren dieser <em>Mission Impossible<\/em> herauszufinden. Einige davon sind (mehr hier: <a href=\"https:\/\/www.kampagnenforum.ch\/de\/blog\/2019-09-30\/zum-mond-und-zuruck-ein-apollo-programm-furs-klima\">Zum Mond und zur\u00fcck<\/a>):<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Teamgeist und Fehlerfreundlichkeit: Den Crewmitgliedern wollten zusammen etwas Grosses erreichen. Bescheidenheit, Offenheit und Vertrauen formten den Teamgeist. Fehler wurden als interessant gesehen und nicht als etwas, das es zu vertuschen oder zu kritisieren gilt.<\/li>\n\n\n<li>Passion und Kreativit\u00e4t: Gleichgesinnt und doch divers im K\u00f6nnen und in der Art der Leidenschaften. Und Kreativit\u00e4t entwickelt sich aus dem Prinzip, nicht mit der ersten guten Idee loszurennen, sondern sich zu zwingen, weitere Ideen zu kreieren.<\/li>\n\n\n<li>R\u00fcckzug und Unwissenheit: Das Apollo-Kernteam arbeitete abgekapselt von der Welt. Die Mitglieder waren noch keine 30 Jahre alt und konnten aus Unerfahrenheit sozusagen nicht wissen, dass Mondlandung eigentlich gar nicht geht.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch globaler Klimaschutz scheint ja eine <em>Mission Impossible<\/em> zu sein. Der Klima-Mond ist weit entfernt: \u00abNetto Zero CO2 by 2050\u00bb. Wir wollen und m\u00fcssen dahin; allersp\u00e4testens dann. Die Frage an die Zivilgesellschaft und die Forschung w\u00e4re: Was k\u00f6nnte von den psychologischen Lehren des Apollo-Programms auf den Klimaschutz \u00fcbertragen werden? Zusammen mit der grossen Kelle ein Programm f\u00fcr den Klima-Mond aufsetzen? Der Politik zeigen, dass und wie es geht?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hier gilt es weiter zu forschen, n\u00e4mlich nach dem Prinzip \u00ab<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=4_nsm1Ev9o4\" rel=\"noopener\">Look for the bright spots and clone them<\/a>\u00bb, also erforschen, wo was warum funktioniert, wie sich gute Praxis etabliert hat &#8211; und wie diese verbreiten? Was sind die psychosozialen Faktoren und Mechanismen der Transformation: Warum konnte sich an gewissen Orten eine Kreislauf-Gastronomie oder ein Solar-Dorf entwickeln und wie k\u00f6nnen die Erkenntnisse und Prozesse auf andere Orte \u00fcbertragen werden? Sodann m\u00fcsste sich die Umweltpolitik das zu eigen machen: Nicht nur Einzelf\u00e4lle kreieren, sondern f\u00fcr ihre Verbreitung sorgen. So dass immer mehr Firmen, \u00c4mter, Kommunen, Siedlungen, B\u00fcrger:innen in ihrem Handeln wandeln. Also Forschung, die herausfindet, was es braucht, damit sich Einstellungen und Handlungsbereitschaft \u00e4ndern.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Schweiz k\u00f6nnte hierbei einen relevanten Beitrag leisten: Im kleinen helvetischen Labor Transformationspraxis zum Wohle der Menschheit forschend entwickeln. Wege aufzeigen, wie sich die Gesellschaft vom W\u00fcrgegriff der unsichtbaren Hand emanzipieren und sich von sozialpsychologischer Forschung befruchten lassen kann. <br\/><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch auch diese Forschung wird es nicht alleine richten k\u00f6nnen. Damit die Verursacher des Klimawandels f\u00fcr ihr Tun nicht mehr belohnt, sondern gemassregelt werden, braucht es die Politik: Statt in milit\u00e4rische Aufr\u00fcstung, in Klimafrieden investieren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br\/>\n<em>PS: Nat\u00fcrlich gibt es noch viele weitere transformative Forschung wie z.B. die zum <a href=\"https:\/\/www.kampagnenforum.ch\/de\/blog\/2018-10-31\/gut-leben-und-das-klima-schutzen-das-wars\">Happiness Index<\/a>, jene zur <a href=\"https:\/\/www.bafu.admin.ch\/bafu\/de\/home\/themen\/wirtschaft-konsum\/dossiers\/magazin2019-4-dossier\/gegen-die-uebernutzung-der-ressourcen.html\" rel=\"noopener\">Kreislaufwirtschaft<\/a> (u.a. Uni Lausanne), die <a href=\"https:\/\/www.scientists4future.ch\/\" rel=\"noopener\">Scientist4Futures<\/a> oder auch jene zum \u201cNudging\u201d (kleine Schubser zur Verhaltens\u00e4nderung; <a href=\"https:\/\/www.kampagnenforum.ch\/de\/blog\/2019-06-06\/nudging\">Einf\u00fchrung hier<\/a>). <\/em><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-media-text is-stacked-on-mobile kf-author-box\" style=\"grid-template-columns:25% auto\"><figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"579\" height=\"371\" src=\"https:\/\/kampagnenforum.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/klimavista-kurt-roth.jpg\" alt=\"Kuno Roth \u00abKlima Vista\u00bb\" class=\"wp-image-725 size-full\"\/><\/figure><div class=\"wp-block-media-text__content\">\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Kuno Roth<\/h3>\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Arbeitet als Leiter des globalen Mentoring-Programms bei Greenpeace International. Zuvor war er 25 Jahre lang Bildungsverantwortlicher von Greenpeace Schweiz.<\/p>\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Jahrgang 57, Dr. rer. nat., ehemaliger Chemiker, arbeitet nun als Human\u00f6kologe, Lernspezialist sowie auch Schriftsteller. Neben Kolumnen schreibt er vor allem Gedichte und Aphorismen. Seine letzten Ver\u00f6ffentlichungen sind \u00abIm Rosten viel Neues\u00bb (Gedichte, 2016) sowie \u00abAussicht von der Einsicht\u00bb (Aphorismen, 2018). Sein neuestes Buch <a href=\"https:\/\/www.prolyrica.com\/neuerscheinungen\/klima-vista\/\" rel=\"noopener\">\u2039KL!MA VISTA \u2013 Die Schneefallgrenze steigt\u203a Gedichte und Aphorismen<\/a> ist am 23.10.2020 bei <a href=\"https:\/\/prolyrica.ch\/lesung-mit-kuno-roth\/\" rel=\"noopener\">Pro Lyrica<\/a> erschienen.<\/p>\n<\/div><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F\u00fcr die notwendige gesellschaftliche Weichenstellung brauchen wir keine weitere naturwissenschaftliche Klimaforschung. Wir wissen genug. 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