{"id":1573,"date":"2022-01-31T22:22:00","date_gmt":"2022-01-31T21:22:00","guid":{"rendered":"https:\/\/kampagnenforum.ch\/blog\/2022-01-31\/nebenwirkungen-ohne-packungsbeilage"},"modified":"2026-10-12T18:19:19","modified_gmt":"2026-10-12T16:19:19","slug":"nebenwirkungen-ohne-packungsbeilage","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kampagnenforum.ch\/de\/blog\/2022-01-31\/nebenwirkungen-ohne-packungsbeilage","title":{"rendered":"Nebenwirkungen ohne Packungsbeilage"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Paradox, unbeabsichtigt und unerw\u00fcnscht: Achtung Nebenwirkungen<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Nicht nur beim Impfen gibt es unbeabsichtigte und unerw\u00fcnschte Nebenwirkungen \u2013 es gibt sie auch, wenn man mit einer Kampagne, Aktion oder Initiative den gesellschaftlichen Stachel ausf\u00e4hrt. Und dabei kann es vorkommen, dass eine Nebenwirkung statt die Beabsichtigte zur Hauptwirkung wird.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn das den Rechten passiert, kann das ja durchaus recht sein: Ein Beispiel daf\u00fcr stammt aus einer tschechischen Stadt, in der vor wenigen Jahren Neonazis ein Roma-Quartier st\u00fcrmten und eine Strassenschlacht mit der Polizei anzettelten. Sie erreichten zwar damit, dass sie landesweit bekannt wurden, aber die Roma zu vertreiben, gelang ihnen nicht. Der Haupteffekt war, dass das Quartier endlich bekam, wof\u00fcr es sich jahrelang vergeblich bem\u00fcht hatte: Bus, Strassenreinigung und M\u00fcllabfuhr. Kontr\u00e4r zur Absicht der Neonazis leben die Roma nun besser. Dieser unbeabsichtigte Nebeneffekt wurde zur Hauptwirkung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nebeneffekte vorauszusehen und im Zaum zu halten versuchen, geh\u00f6rt zum politischen Tagesgesch\u00e4ft, denn wer gesellschaftlich interveniert, muss stets damit rechnen, Freund und Feind zu Reaktionen zu provozieren. Wenn zum Beispiel die SVP eine ihrer Nein-Kampagnen lanciert, mobilisiert sie gleichzeitig und unvermeidlich die Linke f\u00fcr das Ja. Solche aus Sicht des Akteurs unerw\u00fcnschte, aber im Prinzip vorhersehbare Nebenwirkung ins Kalk\u00fcl einzubeziehen, ist politisches Einmaleins.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Darum scheiterten die Pestizid-Initiativen<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das gelingt freilich nicht immer. Wie beispielsweise bei den Pestizid-Initiativen, die im Juni 2021 zur Abstimmung kamen: Wegen den radikalen Forderungen f\u00fchlten sich (zu) viele Bauern in ihrer Existenz bedroht und dermassen provoziert, dass die Agrarlobby sie leicht mobilisieren konnte und so die Abstimmung gewann. Bei Provokationen, die an das Eingemachte des Gegners gehen, kann also der Schuss leicht nach hinten losgehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nehmen solche unerw\u00fcnschten Nebeneffekte \u00fcberhand, spricht der Volksmund von \u00abkontraproduktiv\u00bb, weil unter dem Strich im Prinzip das Kontr\u00e4re von dem erreicht wurde, was beabsichtigt war. Gewiss, immerhin ist das Problem thematisiert worden. Doch das kann man immer sagen. Ich meine, im Fall der Pestizid-Initiative war es eine fahrl\u00e4ssig vertane Chance. Das Anliegen ist popul\u00e4r und w\u00e4re durchaus mehrheitsf\u00e4hig; doch Forderungen k\u00f6nnen leicht dogmatisch werden, wenn sie nur im Treibhaus der eigenen Blase wachsen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Effekte, die das Gegenteil dessen sind, was Absicht war, sind als paradoxe Wirkungen bekannt. Also wenn z.B. ein Schlafmittel zu Schlaflosigkeit f\u00fchrt oder wenn die Aufforderung \u00absei spontan\u00bb ebendas grad verhindert. Das kann auch verdeckter geschehen, beispielsweise wirkt das \u00abZuviel-des-Guten\u00bb oft paradox, etwa wenn ein Engagement zu missionarisch wird. Engagement ist mega, doch wer andere zu sehr dr\u00e4ngt, bewirkt Trotz; und Trotz ist paradox in seiner Wirkung: Man s\u00e4t gut gemeinte Verhaltens-Vorschl\u00e4ge, erntet aber Widerstand. [1].<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Das Kitkat-Fiasko<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der Politik treten paradoxe und andere ungewollte Wirkungen als Folge von Interventionen h\u00e4ufig auf. Bezeichnend daf\u00fcr ist ein Interview von 1979 mit dem damaligen Schweizer \u00abAtompapst\u00bb Michael Kohn. Er sagte, so ist es mir in Erinnerung geblieben, dass er der Anti-Atom-Bewegung dankbar sei, denn sie lege ihre Finger auf die wunden Punkte, und das sei wichtig f\u00fcr die Atombef\u00fcrworter, denn sie k\u00f6nnten daraus Lehren ziehen. Auch hier zeigte sich, dass der Angriff den Gegner nicht schw\u00e4chte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein weiteres Beispiel dazu: Greenpeace attackierte 2010 mit einer Kampagne gegen <em>Kitkat<\/em> Nestl\u00e9 wegen dem Palm\u00f6l in diesem Schokoriegel. Die Kampagne erreichte ihr Ziel, der Konzern versprach, nur noch Palm\u00f6l aus nachhaltiger Produktion zu verwenden. Der Nebeneffekt war allerdings &#8211; wie der Tages-Anzeiger aufgrund einer Recherche ein Jahr sp\u00e4ter berichtete -, dass der Konzern daraufhin zehn Google-Leute anheuerte, um sich fortan immun gegen Online-Attacken zu machen. In der Folge daraus zeigte sich ein weiterer Nebeneffekt: Hatte sich Nestl\u00e9 zuvor kaum um das Online-Marketing gek\u00fcmmert, schloss nun der Konzern zur Spitze auf (als weiterer Nebeneffekt auf der anderen Seite st\u00e4rkte auch Greenpeace sein Online-K\u00f6nnen). Ein Dilemma, wie solche Nebeneffekte zu gewichten &#8211; sie sich bewusst zu machen, ist dennoch notwendig.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein letztes Beispiel: Die evangelische Partei EDU wollte 2011 mit einer kantonalen Initiative ein \u201cVerbot von Sterbetourimus und Suizid-Behilfe\u201d erwirken. Die Z\u00fcrcher:innen sagten mit 85% Nein dazu; und der Sterbehilfe wurde damit zum gesellschaftlichen Durchbruch verholfen &#8211; und also f\u00fcr den Akteur voll kontraproduktiv.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Negativ-Beispiele jeden Kalibers<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Unvorhergesehene Nebenwirkungen haben oft einen paradoxen Anteil, und weil das Paradoxe nicht dem \u00fcblichen Denken entspricht, bleibt es oft unbedacht. Solche paradoxe Wirkungen sind zudem oft heftig und haben deshalb Ver\u00e4nderungspotenzial. Deswegen werden sie auch absichtlich eingesetzt wie etwa als paradoxe Interventionen in der Psychotherapie; also wenn zum Beispiel der Therapeut von einer Panikpatientin fordert, sie solle m\u00f6glichst versuchen, in Panik zu geraten und sie damit davon befreit [2]: Durch das Antizipieren oder Erleben des Extremen soll das innere Pendel in die andere Richtung zum Ausschlag gebracht werden. Etwa wie wenn man einem Kind, das dauernd Schokolade essen will, einmal so viel Schokolade g\u00e4be, dass ihm \u00fcbel w\u00fcrde und es danach nie mehr Schokolade wollte (nur zur Illustration; solches Tun ist nat\u00fcrlich problematisch).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch als politische Provokation wird die paradoxe Intervention genutzt: Der Gegner soll mit einem \u00fcberraschenden Angriff zu einer \u00dcberreaktion verleitet werden, mit der er sich selber schadet und die man zur Mobilisierung der eigenen Fans nutzen kann. Hinter \u00ab9\/11\u00bb soll gem\u00e4ss einer Analyse im Tages-Anzeiger\/Bund (siehe BUND, 9.9.21) genau das gesteckt haben. Es sei davon auszugehen, dass Bin Laden mit dem Angriff auf die Twin Towers die Bush-Regierung zu einer heftigen Reaktion provozieren wollte: Was Bush mit dem \u00abWar on terrorism\u00bb dann ja tat &#8211; und dabei selber terroristische Methoden anwendete. Damit aber erreichte Bush das Gegenteil dessen, was er beabsichtigte: Er f\u00f6rderte den islamistischen Terror und Fundamentalismus, genau das, was Bin Ladens Absicht war.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Fazit<\/strong>: Einerseits m\u00f6gliche Nebenwirkungen im Vorfeld besser abklopfen. Diese treten bei Interventionen in menschliche Systeme stets und zahlreich auf, weil diese Systeme komplex sind; die beabsichtigte Wirkung ist nie die alleinige. Und beim Abklopfen unter anderem \u00e4hnlich einer Umweltvertr\u00e4glichkeits- eine Art \u00abStakeholder-Vertr\u00e4glichkeitspr\u00fcfung\u00bb durchf\u00fchren. Andererseits stellt sich die Frage, ob man in der Kampagnenarbeit nicht vermehrt auf <em>erw\u00fcnschte<\/em> Nebenwirkungen und paradoxe Interventionen setzen k\u00f6nnte; f\u00fcr die gesellschaftliche Therapie sozusagen. Oder zumindest im Gedankenexperiment ausloten, was f\u00fcr \u00abUndercover\u00bb-Aktionen m\u00f6glich w\u00e4ren. Ein unausgegorenes Beispiel w\u00e4re etwa, den Gegner \u00f6ffentlich heftig zu loben, wenn er mal ein bisschen etwas Gutes tut. Allerdings gel\u00e4nge die Irritation nur, wenn dabei das Schlechte unerw\u00e4hnt bliebe.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Provokative, paradoxe oder satirische Interventionen im politischen Kampf einzusetzen, ist nat\u00fcrlich riskant. Aber \u00fcberlegenswert. Zumal konventionelle wie Proteste, Plakate oder Petitionen etwas von ihrer Schlagkraft verloren haben k\u00f6nnten.<br\/><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>PS: Engagieren sich Freiwillige mit und f\u00fcr eine (politische) NGO, w\u00fcnschen sie sich als Haupteffekt gesellschaftlichen Wandel. M\u00f6glichst subito. Da das leider selten eintritt, ist es f\u00fcr die Langfristigkeit der Partizipation entscheidend, die positiven Nebenwirkungen des Engagements zu f\u00f6rdern, wie beispielsweise dabei etwas N\u00fctzliches zu lernen, gute Leute kennenzulernen, mit Gleichgesinnten etwas unternehmen etc.. Sieht dagegen eine NGO Freiwillige prim\u00e4r als Instrument, f\u00fchrt das beidseitig zu Frust &#8211; und ist also kontraproduktiv (<a href=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/story\/11975\/freiwilligenarbeit-zwischen-freud-und-frust\/\" rel=\"noopener\">mehr dazu hier).<\/a><\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">[1] siehe z.B. \u00abLearning from behavioural changes that fail\u00bb, Magda Osman, Trends in Cognitive Science 24\/12, 2020, 969 ff (zitiert nach psychologie heute, 11\/2021)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">[2] aus Thomas Fritzsche, \u00abDie Frau, deren Arm sich h\u00e4ngen liess\u00bb &#8211; Geschichten aus der hypno-systemischen Psychotherapie, Verlag Herder, 2021<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-media-text is-stacked-on-mobile kf-author-box\" style=\"grid-template-columns:25% auto\"><figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"579\" height=\"371\" src=\"https:\/\/kampagnenforum.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/klimavista-kurt-roth.jpg\" alt=\"Kuno Roth \u00abKlima Vista\u00bb\" class=\"wp-image-725 size-full\"\/><\/figure><div class=\"wp-block-media-text__content\">\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Unser Autor<\/h3>\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Arbeitet als Leiter des globalen Mentoring-Programms bei Greenpeace International. Zuvor war er 25 Jahre lang Bildungsverantwortlicher von Greenpeace Schweiz.<\/p>\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Jahrgang 57, Dr. rer. nat., ehemaliger Chemiker, arbeitet nun als Human\u00f6kologe, Lernspezialist sowie auch Schriftsteller. Neben Kolumnen schreibt er vor allem Gedichte und Aphorismen. Seine letzten Ver\u00f6ffentlichungen sind \u00abIm Rosten viel Neues\u00bb (Gedichte, 2016) sowie \u00abAussicht von der Einsicht\u00bb (Aphorismen, 2018). Sein neuestes Buch <a href=\"https:\/\/www.prolyrica.com\/neuerscheinungen\/klima-vista\/\" rel=\"noopener\">\u2039KL!MA VISTA \u2013 Die Schneefallgrenze steigt\u203a Gedichte und Aphorismen<\/a> ist am 23.10.2020 bei <a href=\"https:\/\/prolyrica.ch\/b-b\/kuno-roth\" rel=\"noopener\">Pro Lyrica<\/a> erschienen.<\/p>\n<\/div><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nicht nur beim Impfen gibt es unerw\u00fcnschte Nebenwirkungen \u2013 es gibt sie auch, wenn man mit einer Kampagne den gesellschaftlichen Stachel ausf\u00e4hrt.<\/p>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":841,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[6],"tags":[72],"class_list":["post-1573","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-fuehrungs-teamentwicklung","tag-kolumne-kuno-roth"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kampagnenforum.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1573","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/kampagnenforum.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kampagnenforum.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kampagnenforum.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kampagnenforum.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1573"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/kampagnenforum.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1573\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3923,"href":"https:\/\/kampagnenforum.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1573\/revisions\/3923"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kampagnenforum.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/841"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kampagnenforum.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1573"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kampagnenforum.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1573"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kampagnenforum.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1573"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}