{"id":1557,"date":"2020-07-20T11:10:00","date_gmt":"2020-07-20T09:10:00","guid":{"rendered":"https:\/\/kampagnenforum.ch\/blog\/2020-07-20\/fragen-statt-sagen-0"},"modified":"2026-10-12T18:19:19","modified_gmt":"2026-10-12T16:19:19","slug":"fragen-statt-sagen-0","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kampagnenforum.ch\/de\/blog\/2020-07-20\/fragen-statt-sagen-0","title":{"rendered":"Fragen statt sagen"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Greenpeace war den Fischern der griechischen Inseln lange Zeit egal; sp\u00e4ter eher ein Dorn im Auge, weil die Umweltorganisation besser als die Fischer zu wissen meinte, wie das EU-Fischereigesetz revidiert werden muss. Die Campaigner versuchten mit Lobby-Aktivit\u00e4ten und Aktionen, ihren Vorschlag durchzubringen, doch es geschah nichts. Bis Greenpeace Griechenland wegen der Wirtschaftskrise und dem bef\u00fcrchteten Spendeneinbruch neue Kampagnen-Ans\u00e4tze ausprobierte. Unter anderem deshalb gingen vor vier Jahren eine Handvoll Greenpeace-Leute zu den Fischern. Und die Umweltsch\u00fctzer*innen h\u00f6rten diesen zum ersten Mal zu. Einmal. Zweimal. Beim dritten Besuch kamen sie zum einen mit einem Vorschlag f\u00fcr die Revision des EU-Gesetzes, der die Anliegen der Fischer ber\u00fccksichtigte und von ihnen mitgetragen werden konnte. Und zum anderen kamen sie mit einem Angebot: N\u00e4mlich dass Greenpeace mithelfen w\u00fcrde, Fisch \u00fcber die Mitglieder von Greenpeace Griechenland zu vertreiben und mit Freiwilligen auch auszuliefern. Dieses Angebot, selber anzupacken, liess bei den Fischern Vertrauen wachsen. So konnte kein \u00f6kologisch-ideales, aber doch ein gutes EU-Fischereigesetz durchgesetzt werden. Und Greenpeace Griechenland konnte den Mitgliederschwund aufhalten, weil die Organisation auf Partizipation in ihren Kampagnen setzt. Fragen kommt vor dem Sagen, lautet die Einsicht meiner griechischen Kolleg*innen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dass Fragen fruchtbarer ist als Sagen, kennt man aus der systemischen Psychotherapie und dem Coaching. Vielleicht, so mein Vorschlag, m\u00fcssten sich Campaigner*innen vermehrt als gesellschaftliche Coachs und weniger als Mobilisierungsprofis oder gar als Feldherren einer Schlacht gegen das B\u00f6se sehen. Und damit die F\u00e4higkeit entwickeln, allen Beteiligten und Betroffenen gut und ernsthaft zuzuh\u00f6ren, um deren Bed\u00fcrfnisse und Interessen verstehen zu k\u00f6nnen (siehe Kasten \u00abFragen des Coachings\u00bb). Und erst dann &#8211; und zusammen &#8211; handeln.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kampagnen beabsichtigen gesellschaftliche \u00c4nderung. Und klar, eine solche bedarf einer gewissen Breite realer Beteiligung. Breite wird zum Beispiel dann erreicht, wenn ein Thema zur Sache einer Real-Change-Bewegung wird. Jedes Kampagnenross muss mit einem Bewegungspflug verbunden sein, der das Feld der Gesellschaft pfl\u00fcgt. Sonst wird das Ross bloss \u00fcber den Acker gejagt und wirbelt nur etwas Staub auf. Ross und Pflug m\u00fcssen aufeinander h\u00f6ren, und die Verbindung von Ross und Pflug heisst Mitwirk-Kampagne \u2013 auch <em>partizipatives<\/em>, <em>solution<\/em> oder <em>open<\/em> Campaigning genannt \u2013, um reale Ver\u00e4nderung zu erreichen und nicht nur Symptome zu bek\u00e4mpfen. Diese Art Campainging ist grundlegend anders als die von Dringlichkeit getriebenen Kampagnen und basiert auf dem Verst\u00e4ndnis, dass die verschiedenen Akteure unterschiedliche Rollen aber nicht Wertigkeiten haben (siehe Kolumne \u00ab<a href=\"https:\/\/www.greenpeace-magazin.ch\/2019\/03\/08\/slow-campaigning-eine-art-perma-kultur\/\" rel=\"noopener\">Slow Campaigning<\/a>\u00bb).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das ist nicht neu, vieles ist schon versucht und getan worden. Nur scheint es mir, dass das Partizipative, also die wirkliche und nachhaltige Beteiligung der Angesprochenen und Betroffenen nur selten gut gelingt. Als Grund f\u00fcr mangelnde Partizipation wird oft angef\u00fchrt, die Konsumgesellschaft mache halt passiv. Das mag stimmen, doch ist es nicht der einzige Grund. Ich vermute, es gibt mindestens zwei \u00ab\u201chausgemachte\u00bb\u201d Faktoren f\u00fcr diesen Mangel: Erstens, die partielle Unf\u00e4higkeit gut fragen, beobachten und zuh\u00f6ren zu k\u00f6nnen sowie selber partnerschaftlich mitzuarbeiten (siehe dazu Kolumne \u00ab<a href=\"https:\/\/www.kampagnenforum.ch\/de\/blog\/2020-06-15\/partizipation-ja-aber-wie\">Partizipation: Ja, aber wie?<\/a>\u00bb).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und zweitens die Dominanz des Tuns. Zuh\u00f6ren, Vertrauen aufbauen und zur Zusammenarbeit finden braucht Zeit, was der Dringlichkeit des Tuns entgegen l\u00e4uft. Klar, manchmal geht es ums schnelle Handeln; in einer Notsituation sowieso. Aber selbst in dieser kann es Sinn machen, kurz innezuhalten und dann erst zu handeln. Rennt man sofort einfach los, kann man die falsche Richtung einschlagen. Aber nicht alles, was man als Notfall zu erkennen glaubt, ist auch wirklich einer. Neben den echten Dringlichkeiten gibt es haufenweise aufgeplusterte, die nur so tun, als ob sie dringlich w\u00e4ren (siehe \u00ab<a href=\"https:\/\/www.kampagnenforum.ch\/de\/blog\/2019-10-22\/prioritarer\">der Priorit\u00e4ter<\/a>\u00bb). Und so erh\u00e4lt das Tun in vielen Kampagnen per se Priorit\u00e4t, kreative Musse nicht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zu tun ist nat\u00fcrlich nicht an sich falsch und muss auch nicht zu blindem Aktivismus f\u00fchren. Doch die \u00abHauptsache getan\u00bb-Haltung ist problematisch. Der fehlenden Nachhaltigkeit wegen: Es gibt kaum schnelle, rein \u00f6kologische L\u00f6sungen, sondern meistens nur sozial-\u00f6kologische langfristige.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Dominanz des Tuns zieht eine Zuh\u00f6rschw\u00e4che nach sich. Schon im Voraus zu wissen, was Sache und was zu tun ist, verhindert, andere Sichtweisen wahrzunehmen und einzubeziehen. Solches zu tun, Betroffenen und Beteiligten zuzuh\u00f6ren und ihnen Fragen zu stellen, wird als vergeudete Zeit empfunden, weil vor allem wichtig sei, dass die Message klar ist. So wie das bei der griechischen Fischerei-Kampagne am Anfang der Fall war.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Beobachtungs- und Zuh\u00f6rschw\u00e4che kann dazu f\u00fchren, dass die \u00abTheory of Change\u00bb (ToC) einer Kampagne zur Hypothese mutiert, die es zu best\u00e4tigen gilt. Anstatt die ToC bewusst als eine Fiktion zu nehmen, was hiesse, mit ihr als eine erste Einsch\u00e4tzung zu starten und sie im Zuge der Kampagne zusammen mit den Beteiligten dauernd den Realit\u00e4ten anzupassen und zu verfeinern. Und weil die ToC fiktiv und nicht reale Praxis ist, sollte sich Kampagnenstrategien weg von fixen Zielen, Einweg-Kommunikation und Handlungs-Appellen hin zum aktiven Begleiten beim partizipativen Campaigning kommen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Campaigning ist im Wandel, zum Beispiel eben bei Greenpeace. Fr\u00fchere g\u00e4ngige Kampagnenpraktiken wie etwa <em>die Bevormundung<\/em> (das heisst, das Zielpublikum war Objekt, dem man die \u00abKampagnenmessage r\u00fcberbringen muss\u00bb) oder die <em>Hit-and-Run-Taktik<\/em> (das heisst geheim recherchieren, schnell zuschlagen und gleich wieder verschwinden) sind selten geworden. Es gibt sie  und \u00e4hnliche Praktiken zwar wegen vermeintlichem Zeitdruck immer noch, doch steht in der internen Policy f\u00fcr Kampagnen mit indigenen V\u00f6lkern nun, dass die Hit-and-Run-Taktik \u00abvorhandene Machtdynamik zementiert und die Bed\u00fcrfnisse, Handlungsspielr\u00e4ume und Autonomie der Gemeinschaften nicht respektiert\u00bb, sowie dass ein gemeinsames Verst\u00e4ndnis gefunden und die Art der Zusammenarbeit vereinbart werden muss, bevor etwas getan wird.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>* nacherz\u00e4hlt aufgrund eines m\u00fcndlichen Berichts eines griechischen Kollegen<\/em><\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Fragen im Coaching<\/strong><\/p>\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie das aktive Zuh\u00f6ren, ist auch das gute Fragen eine Kunst. Das heisst, keine rhetorischen oder moralischen Fragen zu stellen, sondern so zu fragen, wie es ein\/e Coach t\u00e4te. N\u00e4mlich:<\/p>\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>systemisches Fragen \u2013 die Sichten aller Akteure einholen, das Umfeld abklopfen<\/li>\n\n\n<li>paradoxes Fragen \u00e0 la: \u00abWas m\u00fcssten wir tun, damit die Kampagne sicher misslingt?\u00bb<\/li>\n\n\n<li>skalierendes Fragen, d.h. etwas auf einer Skala 1-10 bewerten (das ist beispielsweise dann hilfreich, wenn es um eine Bewertung von Entscheidungsoptionen geht).<\/li>\n\n\n<li>hypothetisches Fragen, also Fragen mit \u00abGesetzt den Fall &#8230;\u00bb oder \u00abStell dir vor &#8230;\u00bb<\/li>\n<\/ul>\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das heisst, offene Fragen; geschlossene Fragen werden fast nur f\u00fcr Abstimmung oder Kl\u00e4rung gebraucht.<\/p>\n<cite>&#8211;<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-media-text is-stacked-on-mobile kf-author-box\" style=\"grid-template-columns:25% auto\"><figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"804\" height=\"528\" src=\"https:\/\/kampagnenforum.ch\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/kuno_portraitbild.jpg\" alt=\"Kuno Roth\" class=\"wp-image-441 size-full\" srcset=\"https:\/\/kampagnenforum.ch\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/kuno_portraitbild.jpg 804w, https:\/\/kampagnenforum.ch\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/kuno_portraitbild-800x525.jpg 800w\" sizes=\"(max-width: 804px) 100vw, 804px\" \/><\/figure><div class=\"wp-block-media-text__content\">\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Unser Autor<\/h2>\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Arbeitet als Leiter des globalen Mentoring-Programms bei Greenpeace International. Zuvor war er 25 Jahre lang Bildungsverantwortlicher von Greenpeace Schweiz.<\/p>\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Jahrgang 57, Dr. rer. nat., ehemaliger Chemiker, arbeitet nun als Human\u00f6kologe, Lernspezialist sowie auch Schriftsteller. Neben Kolumnen schreibt er vor allem Gedichte und Aphorismen. Seine letzten Ver\u00f6ffentlichungen sind \u201cIm Rosten viel Neues\u201d (Gedichte, 2016) sowie \u201cAussicht von der Einsicht\u201d (Aphorismen, 2018). Sein neuestes Buch <a href=\"https:\/\/www.prolyrica.com\/neuerscheinungen\/klima-vista\/\" rel=\"noopener\">\u2039KL!MA VISTA \u2013 Die Schneefallgrenze steigt\u203a Gedichte und Aphorismen<\/a> erscheint am 23.10.2020 bei <a href=\"https:\/\/prolyrica.ch\/b-b\/kuno-roth\" rel=\"noopener\">Pro Lyrica<\/a><\/p>\n<\/div><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Griechische Fischer lehren Greenpeace eine wichtige Lektion. Die neuen Erkenntnisse f\u00fchren zu einer v\u00f6llig neuen Kampagnenstrategie.<\/p>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":519,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[6],"tags":[72],"class_list":["post-1557","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-fuehrungs-teamentwicklung","tag-kolumne-kuno-roth"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kampagnenforum.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1557","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/kampagnenforum.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kampagnenforum.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kampagnenforum.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kampagnenforum.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1557"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/kampagnenforum.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1557\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3854,"href":"https:\/\/kampagnenforum.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1557\/revisions\/3854"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kampagnenforum.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/519"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kampagnenforum.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1557"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kampagnenforum.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1557"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kampagnenforum.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1557"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}