{"id":1556,"date":"2020-06-15T10:45:00","date_gmt":"2020-06-15T08:45:00","guid":{"rendered":"https:\/\/kampagnenforum.ch\/blog\/2020-06-15\/partizipation-ja-aber-wie"},"modified":"2026-10-12T18:19:19","modified_gmt":"2026-10-12T16:19:19","slug":"partizipation-ja-aber-wie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kampagnenforum.ch\/de\/blog\/2020-06-15\/partizipation-ja-aber-wie","title":{"rendered":"Partizipation: Ja, aber wie?"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Botswana, August 2018: Solar Ambassador Onkarabile Jackson organisiert einen Solar-Informationsstand an einem Treffen der botswanischen Pfadibewegung. Er demonstriert den Besucher*innen Solarbrunnen, -ladeger\u00e4t und -kocher. Einer der Besucher ist der Minister f\u00fcr Jugend, Entwicklung und Kultur. Er trinkt solar gebrauten Kaffee und ist begeistert. Wie kommt Scout Leader Onkabrile dazu, ein Solar Ambassador zu sein? Und wieso gelang es einige hundert Kilometer nordwestlich in Guinea 2016, Ebola erfolgreich zu bek\u00e4mpfen? Zwar erst im zweiten Anlauf,  aber trotzdem. Das Gemeinsame der Erfolge ist: gelungene Partizipation als Kernelement. <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kampagnen ohne Partizipation sind wie ein Velo ohne Kette: Man strampelt und kommt doch nicht vorw\u00e4rts. Bei Protestkampagnen ist Partizipation eher kurzzeitig, denn solche Kampagnen versuchen die \u00c4nderung gewissermassen als Arbeitsauftrag an die Verursacher eines Problems bzw. an die Politik zu delegieren. L\u00f6sungskampagne heisst, nicht prim\u00e4r Schuldige zu finden, sondern L\u00f6sungen in Zusammenarbeit mit Betroffenen umzusetzen. Das heisst, &#171;man&#187; packt selber auch an.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Geschieht \u00c4nderung nur vereinzelt, ist das zwar ehrenhaft, bleibt aber ohne gesellschaftliche Folgen. Soll sich eine ganze Gesellschaft ver\u00e4ndern, gen\u00fcgen Herz, Kopf und Hand Einzelner nicht, es braucht das Engagement vieler, es braucht Partizipation. Und zwar eine, die aus Betroffenen Beteiligte und Tr\u00e4ger*innen einer Kampagne werden l\u00e4sst (mehr zum Prinzip der Partizipation siehe Kasten).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Umsetzung von Kampagnen, die gesellschaftliche L\u00f6sungen vorantreiben wollen, bedarf daher einer systemischen Sicht; wobei systemisches Betrachten stets mit einer gewissen Un\u00fcbersichtlichkeit beginnt: Was h\u00e4ngt wie mit was zusammen, wer ist wie betroffen, etc.? Das herauszufinden braucht eine grosse Portion Neugierde und ist Voraussetzung f\u00fcr gelungene Partizipation.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das hier vorgestellte Partizipationsmodell wurde an einem Workshop an einer Tagung zum Solutions-Campaigning entwickelt. Anhand der Analyse von zwei Fallbeispielen versuchten wir zuerst eine \u00dcbersicht und daraus ein systemisches Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Prozesse zu gewinnen. Der eine Fall ist \u201e<em>community-based<\/em>\u201c und handelt von der Ebola-Krisenintervention in Guinea. Diese scheiterte vorerst, weil Partizipation nicht als relevanter Faktor betrachtet wurde und die Hilfeleistenden deshalb von den Gemeinschaften als Virus-Verbreiter*innen verd\u00e4chtigt und zur\u00fcckgewiesen wurden. Erst durch den aktiven Einbezug der jeweiligen kommunalen Bev\u00f6lkerung f\u00fchrte die Intervention zum Erfolg. Der zweite Fall ist \u201e<em>network-based<\/em>\u201c: Das Projekt Scouts-go-Solar nutzt das globale Pfadfinder-Netzwerk der World Organization of Scout Movements WOSM, um Solarenergie als Klimaschutz zu propagieren. In diesem Fall wurde mit einem Testtraining f\u00fcr Pionier-Scout-Leaders begonnen, die in einem Pfadilager ausprobierten, ob und wie es gelingen kann, Kinder experimentell in die Welt der Solarenergie einzuf\u00fchren. Und die Initianten des Projekts konnten herausfinden, ob sie, Kinder wie Leiter, \u201ces\u201d gerne tun.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aus der systemischen Analyse der beiden F\u00e4lle entstand ein Modell. Der entscheidende Schritt hierzu war, die F\u00e4lle in ihrer Vielschichtigkeit zu erfassen und daraus Kernelemente zu destillieren, n\u00e4mlich vier: Eine <strong>Initiation<\/strong>, zwei Grundprozesse (&#171;<strong>G\u00e4rung<\/strong>&#187; und &#171;<strong>Verbreitung<\/strong>&#171;) sowie ein Hauptindikator, die &#171;<strong>positive Emotion<\/strong> <strong>der Beteiligten<\/strong>&#171;. Die Reduktion auf vier Bestandteile hilft, sich in der Komplexit\u00e4t zurecht zu finden und sich trotzdem ihrer bewusst zu sein. Die vier Elemente in K\u00fcrze:<\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\">\n<li>Initiation: Eine Gruppe greift als Initiant*innen ein brennendes Thema auf, weil sie eine Ver\u00e4nderung erreichen m\u00f6chte. Sie tritt mit diesem Anliegen an ein Zielpublikum heran, durch dessen Mitwirkung sie sich merkbare \u00c4nderung in der beabsichtigten Richtung verspricht. Sie nimmt mit Vertreter*innen der Zielgruppe Kontakt auf und macht ihnen ihr Thema und Anliegen m\u00f6glichst praxisnah zug\u00e4nglich. Hierbei sollte es bereits etwas funken. Bevor aber etwas getan wird, h\u00f6ren die Initiantinnen den Zielgruppen-Vertretern zuerst genau zu, um deren Bed\u00fcrfnisse, Ideen, Rahmenbedingungen etc. zu erfahren. Dazu werden z. B. Workshops veranstaltet und Interviews durchgef\u00fchrt. Im Anschluss daran k\u00f6nnen in Praxis\u00fcbungen Teile einer m\u00f6glichen Kampagne bereits ausprobiert werden (&#171;Prototyping&#187;).<br\/><\/li>\n\n\n<li>G\u00e4rprozess &#8211; vom Zuh\u00f6ren \u00fcber Pretests zum Pilotprojekt: Ausgew\u00e4hlte Multiplikator*innen entwickeln im Austausch mit Testgruppen praxistaugliche Instrumente; bzw. passen bestehende an die Bed\u00fcrfnisse an. Funktionierende Tools \u00fcberzeugen; diese sind zentral. Am Ende der G\u00e4rung geben sich &#171;Top-Down&#187; und &#171;Bottom-up&#187; die Hand; d. h. Strategieebene und funktionierende Praxis finden zusammen und entfalten gesellschaftliche Wirkung (<a href=\"http:\/\/wave.greenpeace.org\/waveV2public\/sites\/default\/files\/attachments\/TopDown_BottomUp_strategy_dialectic_handshake_graph_0.pdf\" rel=\"noopener\">Grafik<\/a>). G\u00e4rprozesse brauchen Zeit, weil es u. a. darum geht, gegenseitiges Vertrauen aufzubauen. Wird dieser Prozess \u00fcbergangen oder geschieht er zu schnell, kann das geschehen, was bei der Ebola Bek\u00e4mpfung in Guinea zuerst geschah: Ablehnung.<\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\">\n<li>Hauptindikator positive Emotionen: Tools, Botschaft, Mobilisierungs-Events und anderes mehr haben dann das Potenzial, massenf\u00e4hig zu werden, wenn die Testgruppen <em>Freude<\/em> und <em>Interesse<\/em> an der gemeinsam entwickelten Sache haben. Diese beiden Emotionen sind die Triebkr\u00e4fte von L\u00f6sungskampagnen. Der \u00c4nderungsprozess geschieht dabei nicht mit den Zielgruppen, sondern durch sie. Das heisst, die Gemeinschaften sind die Tr\u00e4gerinnen, nicht prim\u00e4r die Initianten. Und je mehr die angestrebte Ver\u00e4nderung den Interessen der Community entspricht, desto wahrscheinlicher bleiben Menschen engagiert.<\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\">\n<li>Verbreitungsprozess: Der erste Meilenstein \u2013 ein co-kreierter gr\u00f6sserer Prototyp in Echt-Praxis \u2013 ist zugleich der Startpunkt f\u00fcr den Verbreitungsprozess (\u201cup-scaling\u201d), entwickelt anhand der Frage: Wie kann an weiteren Orten, prototyp-\u00e4hnlichen Orten, die entwickelte Praxis als Samen gepflanzt und zum Keimen gebracht werden? In beiden F\u00e4llen war das ein gest\u00fctzter Transfer-Prozess, bei dem z. B. Multiplikator*innen von Trainern mit dem &#171;richtigen Stallgeruch&#187; ausgebildet werden. Im Ebola-Fall hiess das, dass staatliche Gesundheitsfachpersonen lokales Pflegepersonal ausbildeten, im Pfadi-Fall Scout Solar Leaders Pfadileiter*innen. Diese Multiplikator*innen werden in ihrer ersten Praxis von Mentor*innen (z.B. den Trainern) begleitet, so dass die Umsetzung in der Community des Multiplikators wahrscheinlich(er) wird. Die Verbreitung geschieht sodann von Gemeinde zu Nachbargemeinde bzw. \u00fcber Netzwerke wie etwa das globale Pfadfinder-Netzwerk. Eine andere Art der Verbreitung ist ein lokal verankertes Gesch\u00e4ftsmodell wie das z. B. bei der \u201eSolarisierung\u201c des ruralen Bangladesh der Fall war (siehe <a href=\"http:\/\/wave.greenpeace.org\/waveV2public\/sites\/default\/files\/attachments\/Blog_Buchrezension_The%20Marketmakers.pdf\" rel=\"noopener\">Fallstudie<\/a>).<\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ebola und Scout Solar sind sehr unterschiedliche F\u00e4lle und gerade deshalb aufschlussreich, weil sie trotzdem ein \u00e4hnliches Grundmuster aufweisen: Erfolgreiche gesellschaftliche \u00c4nderungen fussen auf partizipativem zivilgesellschaftlichem Engagement und auf Gemeinschaften. Nur durch sie geschieht der gew\u00fcnschte Wandel. Systemisches Campaigning ist also <strong>inklusives Campaigning <\/strong>auf<strong> <\/strong>Augenh\u00f6he, dessen Erfolg auf der Qualit\u00e4t der Beziehungen beruht.<strong> <\/strong>Campaigning, das prim\u00e4r auf Quantit\u00e4t setzt, arbeitet mit den Waffen des Gegners. Solche Konfrontation ist zwar manchmal angezeigt, ist aber f\u00fcr nachhaltigen Erfolg oft untauglich, wenn es das alleinige Prinzip ist. <br\/>\nZu diesem Partizipationsmodell gibt es ein <a href=\"https:\/\/docs.google.com\/document\/d\/1xFFvA5b6PAmZu90E8A280eEu1hJEk1blcta3E-W95uo\/edit?usp=sharing\" rel=\"noopener\"><em>open-source google document<\/em><\/a><em>, <\/em>eine Art Manual (auf Englisch; Entwurf).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br\/>\nMittlerweile wurden gegen hundert Scout-Leaders zu Solarenergie-Multiplikator*innen ausgebildet und die aktivsten unter ihnen sie sind nun in ihren jeweiligen Kontexten selbst\u00e4ndig unterwegs. Sie haben \u201cOwnership\u201d \u00fcbernommen. Wie Onkarabile Jackson in Botswana. Bei der WOSM ist <a href=\"https:\/\/www.scout.org\/scoutsgosolar\" rel=\"noopener\">Scouts-go-Solar<\/a> Teil des neuen globalen Umweltprogramms von WOSM f\u00fcr 2020-30 geworden.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Partizipation Praxis und Modelle<\/strong><\/p>\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das von Roger Hart und Wolfgang Gernert entwickelte &#171;Stufenmodell der Partizipation&#187; (1993) besteht aus neun Stufen: Drei davon liegen unterhalb der eigentlichen Partizipations-Schwelle (siehe <a href=\"http:\/\/www.partizipative-qualitaetsentwicklung.de\/partizipation\/stufen-der-partizipation.html\" rel=\"noopener\">Graphik hier<\/a>), werden aber oft als Partizipation bezeichnet (wenn z.B. Freiwillige f\u00fcr einen Einsatz gesucht werden ist das zwar nicht in an sich problematisch, nur sollte nicht von Partizipation gesprochen werden). Die n\u00e4chsten drei Stufen werden als Vor-Partizipation und die folgenden als &#171;echte Partizipation&#187; (d.h. mit Mitentscheidung und Umsetzungsverantwortung) bezeichnet. Bei vor-partizipativen Stufen ist das Ergebnis weitgehend vorgegeben, bei echter Partizipation gilt Ergebnisoffenheit (aber nicht -beliebigkeit). Weiterentwickelt wurde das Modell  von den Sozialraumforscherinnen Gaby Stra\u00dfburger und Judith Rieder, die eine <a href=\"http:\/\/www.partizipationspyramide.de\/\" rel=\"noopener\">Partizipationspyramide<\/a> vorschlagen. <br\/><\/p>\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Partizipation ist f\u00fcr gesellschaftliche Transformationsprozesse ein Schl\u00fcsselelement, wie z. B. beim  \u201c<a href=\"http:\/\/www.artofhosting.org\/de\/\" rel=\"noopener\">Art of Hosting<\/a>\u201d und dem \u201c<a href=\"https:\/\/www.edx.org\/course\/ulab-leading-from-the-emerging-future\" rel=\"noopener\">U.Lab<\/a>\u201d. Das erste setzt faszinierenderweise auf Gastfreundschaft bei Planungstreffen und das zweite auf einen Prozess mit offenem Ausgang nach der \u201cTheory U\u201d von Otto Scharmer. Mit dieser Methode arbeitet unter anderem die schottische Regierung, um gew\u00fcnschte \u00c4nderungen in Gemeinden tats\u00e4chlich umzusetzen (siehe kurzes Video: <a href=\"https:\/\/vimeo.com\/173818562?sfns=mo\" rel=\"noopener\">3 Reasons why Scottish government chose for u.lab as a platform for public participation<\/a>).<\/p>\n<cite>Kuno Roth<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-media-text is-stacked-on-mobile kf-author-box\" style=\"grid-template-columns:25% auto\"><figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"804\" height=\"528\" src=\"https:\/\/kampagnenforum.ch\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/kuno_portraitbild.jpg\" alt=\"Kuno Roth\" class=\"wp-image-441 size-full\" srcset=\"https:\/\/kampagnenforum.ch\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/kuno_portraitbild.jpg 804w, https:\/\/kampagnenforum.ch\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/kuno_portraitbild-800x525.jpg 800w\" sizes=\"(max-width: 804px) 100vw, 804px\" \/><\/figure><div class=\"wp-block-media-text__content\">\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Unser Autor<\/h2>\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Arbeitet als Leiter des globalen Mentoring-Programms bei Greenpeace International. Zuvor war er 25 Jahre lang Bildungsverantwortlicher von Greenpeace Schweiz.<\/p>\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Jahrgang 57, Dr. rer. nat., ehemaliger Chemiker, arbeitet nun als Human\u00f6kologe, Lernspezialist sowie auch Schriftsteller. Neben Kolumnen schreibt er vor allem Gedichte und Aphorismen. Soeben ist sein Gedichtband <strong>\u00ab<a href=\"https:\/\/www.prolyrica.com\/neuerscheinungen\/klima-vista\/\" rel=\"noopener\">Klima Vista \u2013 die Schneefallgrenze steigt<\/a>\u00bb<\/strong> erschienen. Darin vereinigt er seine zwei Leidenschaften: Klimaschutz und Poesie. Seine letzten Ver\u00f6ffentlichungen sind \u00abAussicht von der Einsicht\u00bb (Aphorismen, 2018) sowie \u00abIm Rosten viel Neues\u00bb (Gedichte, 2016). Mehr unter <a href=\"https:\/\/prolyrica.ch\/b-b\/kuno-roth\" rel=\"noopener\">https:\/\/prolyrica.ch\/b-b\/kuno-roth<\/a>.<\/p>\n<\/div><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Soll sich eine ganze Gesellschaft ver\u00e4ndern, gen\u00fcgen Herz, Kopf und Hand Einzelner nicht, es braucht das Engagement vieler. 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