{"id":1551,"date":"2019-10-22T17:57:00","date_gmt":"2019-10-22T15:57:00","guid":{"rendered":"https:\/\/kampagnenforum.ch\/blog\/2019-10-22\/prioritarer"},"modified":"2026-10-12T18:19:19","modified_gmt":"2026-10-12T16:19:19","slug":"prioritarer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kampagnenforum.ch\/de\/blog\/2019-10-22\/prioritarer","title":{"rendered":"Der Priorit\u00e4ter"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Priorit\u00e4ter ist einer, der dich auf raffinierte Weise schachmatt setzt. Unter dem Deckmantel der Normalit\u00e4t schl\u00e4gt er zu, also unspektakul\u00e4r. Lange merkst du gar nichts, meinst gar, einen Normalit\u00e4ter vor dir zu haben. Denn es ist ja an sich v\u00f6llig normal und einsichtig, Priorit\u00e4ten zu setzen. Jede*r macht das: Mal setzt du sie dir selber, mal bewusst, mal unbewusst, manchmal werden sie dir gesetzt, zum Beispiel dann, wenn dein Kind krank ist, deine Vorgesetzte subito irgend etwas braucht oder dein Computer abst\u00fcrzt. Solche Dringlichkeiten haben selbstverst\u00e4ndlich hohe oder gar h\u00f6chste Priorit\u00e4t, m\u00fcssen ohne Verzug geregelt werden. So gesehen sind wir alle Priorit\u00e4ter*innen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber, und das kennst du sicher auch, zuweilen kommt es vor, dass die Erledigung einer dringlichen Priorit\u00e4t sich im Nachhinein als vertane Zeit erweist. Etwa dann, wenn man sich zu sehr um das gerade Naheliegende gek\u00fcmmert hat. Anstatt einen Schritt zur\u00fcckzutreten und das sich Aufdr\u00e4ngende aus etwas Distanz zu betrachten. Doch weil, was nahe ist, stets unaufschiebbar wirkt, nehmen wir uns ihm an. Sei es, wenn der Kollege vor dir steht und um einen Gefallen bittet oder sei es, wenn dein Telefon schellt: Beides hat die Autorit\u00e4t der Dringlichkeit. Scheinbar Dringliches kann sich aufplustern und erscheint als wichtig. Aufgeplustertes als Aufgeplustertes zu erkennen, ist freilich nicht immer einfach. So weit so bekannt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bei einer Umweltorganisation stellt sich die Frage der Priorit\u00e4tensetzung etwas anders. Diese selber hat h\u00f6chste Priorit\u00e4t bzw. ist die Daueraufgabe schlechthin. Und einfach einzusehen: M\u00fcsste zum Beispiel Greenpeace alle Umweltprobleme innert drei Jahren l\u00f6sen, br\u00e4uchte die Organisation Millionen von Mitarbeitenden und Billiarden Kapital. Real steht allerdings kein Zehntel Promille davon zur Verf\u00fcgung. Weil Greenpeace aber angetreten ist, das eine oder andere Problem bald gel\u00f6st zu bekommen, m\u00fcssen ergo Priorit\u00e4ten gesetzt werden. Aber wie?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der thematische Rahmen, in dem die Priorit\u00e4tensetzung stattfindet, wurde in den Gr\u00fcndungsjahren gesetzt, n\u00e4mlich durch Festlegung der Hauptthemen. Bei Greenpeace waren dies \u00abAtomenergie\u00bb und \u00abWale und Meere\u00bb, sp\u00e4ter erweitert mit \u00abKlima und Energie\u00bb, \u00abToxics\u00bb, \u00abWald\u00bb sowie \u00abGentechnik\u00bb, was sich wiederum etwas gewandelt hat. Das heisst, die Themen sind also grob gegeben, m\u00fcssen aber immer wieder den sich \u00e4ndernden Umst\u00e4nden mit Blick auf die kommenden zehn Jahren angepasst werden. Die dreij\u00e4hrlichen, j\u00e4hrlichen oder noch kurzfristigeren Entscheide, was ganz konkret getan, sprich priorisiert wird, basieren auf diesen Grundlagen und der Einsch\u00e4tzungen des Umfelds und der angenommenen Entwicklungen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dabei m\u00fcssen dringlich Notwendiges (kurzfristige Erfolge) und langfristig Wichtiges (beispielsweise das \u00dcberleben als Organisation oder etwa reale gesellschaftliche Ver\u00e4nderung) in ein ausgewogenes Verh\u00e4ltnis gebracht werden. Dabei konkurriert Dringliches naturgem\u00e4ss l\u00e4ngerfristig Wichtiges und kann dazu (ver)f\u00fchren, dass aufs falsche Pferd gesetzt wird. Mit einem dialektischen Verst\u00e4ndnis zwischen Dringlichkeit und Wichtigkeit kann das Dilemma zwar nicht aufgel\u00f6st, aber ein besserer Umgang damit gefunden werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zu erkennen und zu entscheiden, ob etwas Dringliches tats\u00e4chlich wichtig ist und nicht nur wichtig tut, ist, wie gesagt eine grosse Kunst. Gef\u00e4hrlich wird das Dilemma in mindestens zwei F\u00e4llen: Erstens, sich nicht zu entscheiden und sich so zu l\u00e4hmen oder zu verzetteln: Man tut nichts oder alles (und damit auch nichts). Und zweitens, wenn der Priorit\u00e4ter zuschl\u00e4gt. Erkennbar an h\u00e4ufig verwendeten Begriffen wie:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>\u00abStrategisch\u00bb, wie zum Beispiel: Wir m\u00fcssen strategisch denken! Oder: Das ist nicht strategisch!<\/li>\n\n\n<li>\u00abDas ist nice to have\u00bb, was im Klartext heisst: Zwar nett, also sicher nicht.<\/li>\n\n\n<li>\u00abWir m\u00fcssen Priorit\u00e4ten setzen!\u00bb und er dabei seine meint.<\/li>\n\n\n<li>\u00abJetzt oder nie!\u00bb, \u00abDiese Halunken, denen m\u00fcssen wir &#8230;\u00bb \u2013 emp\u00f6rungsgetriebene Dringlichkeit, zum Beispiel daran zu erkennen, dass Abmachungen ohne Weiteres nicht eingehalten werden: Dringlichkeit und Emp\u00f6rung entschuldigt aus der rechthaberischen Priorit\u00e4ter-Sicht alles.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das heisst, er setzt sich durch, indem er seine Sache als strategisch (also wichtig) und zur Dringlichkeit der Organisation erkl\u00e4rt. Er hievt sein Thema somit auf eine h\u00f6here Ebene und damit ins Recht. Das Schwierige ist, dass dem sehr wohl zuweilen so ist. Die Sache kann in der Tat strategisch wichtig oder eine andere nur \u00abnice to have\u00bb sein. Ein Priorit\u00e4ter meint freilich, Dringliches sei immer auch wichtig.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Kampf \u00abgegen das Schlechte auf dieser Welt\u00bb ist besonders anf\u00e4llig daf\u00fcr, dass Dringlichtuerei die Organisation in Atem h\u00e4lt und damit langfristig Wichtiges behindert oder gar \u00fcber Bord geworfen wird. Emp\u00f6rung kann blind machen. Und sie macht oft vergessen, dass der \u00abKampf gegen etwas\u00bb Symptombek\u00e4mpfung ist. Zur Ursachenbek\u00e4mpfung eignet sich Arbeit mit L\u00f6sungen meist besser. Eine Organisation muss beides tun und ein ausgeglichenes Verh\u00e4ltnis zwischen aufflackernden \u00abWindows of Opportunities\u00bb und langfristigen \u00abReal-Change-Prozessen\u00bb finden. Dem Priorit\u00e4ter geht es aber oft nur um seine \u201eSchaufenster\u201c. Der dahinter liegende Laden, das eigentliche Gesch\u00e4ft, k\u00fcmmert ihn wenig. Er setzt dich umso einfacher schachmatt, je st\u00e4rker kurzfristige Gelegenheits-Zeitfenster das Kriterium der Priorit\u00e4tensetzung sind und je st\u00e4rker die \u201cWir-sind-besser\u201d-Moral in der Organisation vertreten ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und die Moral der Geschichte? Hinterfrage den Priorit\u00e4ter. Es ist gut, dass es ihn gibt, doch es gilt, Z\u00fcgel anzulegen.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-media-text is-stacked-on-mobile kf-author-box\" style=\"grid-template-columns:25% auto\"><figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"804\" height=\"528\" src=\"https:\/\/kampagnenforum.ch\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/kuno_portraitbild.jpg\" alt=\"Kuno Roth\" class=\"wp-image-441 size-full\" srcset=\"https:\/\/kampagnenforum.ch\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/kuno_portraitbild.jpg 804w, https:\/\/kampagnenforum.ch\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/kuno_portraitbild-800x525.jpg 800w\" sizes=\"(max-width: 804px) 100vw, 804px\" \/><\/figure><div class=\"wp-block-media-text__content\">\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Unser Autor<\/h2>\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Arbeitet seit drei Jahren als Leiter des globalen Mentoring-Programms bei Greenpeace International. Zuvor war er 25 Jahre lang Bildungsverantwortlicher von Greenpeace Schweiz.<\/p>\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Jahrgang 57, Dr. rer. nat., ehemaliger Chemiker, arbeitet nun als Human\u00f6kologe, Lernspezialist sowie auch Schriftsteller. Neben Kolumnen schreibt er vor allem Gedichte und Aphorismen. Seine letzten Ver\u00f6ffentlichungen sind \u201cIm Rosten viel Neues\u201d (Gedichte, 2016) sowie \u201cAussicht von der Einsicht\u201d (Aphorismen, 2018). Mehr unter <a href=\"https:\/\/prolyrica.ch\/b-b\/kuno-roth\" rel=\"noopener\">https:\/\/prolyrica.ch\/b-b\/kuno-roth<\/a>.<\/p>\n<\/div><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>An sich ist es v\u00f6llig normal und einsichtig, Priorit\u00e4ten zu setzen. Jede*r macht das. 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