{"id":1545,"date":"2019-06-06T17:05:00","date_gmt":"2019-06-06T15:05:00","guid":{"rendered":"https:\/\/kampagnenforum.ch\/blog\/2019-06-06\/nudging"},"modified":"2026-10-12T18:19:19","modified_gmt":"2026-10-12T16:19:19","slug":"nudging","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kampagnenforum.ch\/de\/blog\/2019-06-06\/nudging","title":{"rendered":"Nudging: Unmerkliche Intervention, grosse Wirkung"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nudging ist im Trend. Damit ist jener kleine Schubser gemeint, der dich dein Verhalten \u00e4ndern l\u00e4sst, ohne dass du es merkst. Das Prinzip ist schon lange bekannt und wird zum Beispiel als Umkehrung des Sprichworts \u00abAus dem Auge, aus dem Sinn\u00bb eingesetzt: Was dir ins Auge ger\u00fcckt wird, kommt dir in den Sinn (und dann k\u00f6nntest du es wollen). Wie etwa der Schokoriegel an der Supermarktkasse.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dieses Ins-Auge-r\u00fccken-Nudging nutzen beispielsweise auch gesundheitsbewusste Schulkantinen, die statt Schokolade Obst an der Kasse anbieten: Eine unmerkliche Intervention mit markant gesundheitsf\u00f6rdernder Wirkung. \u00c4hnlich gelagert ist ein anderer illustrativer Fall: In einem Warenhaus, in dem Lift und Treppe nebeneinander liegen, benutzen etwa 80% der Kundschaft den Lift f\u00fcr den Weg nach oben. Malt man nun auf den Boden vor dem Aufgang einen roten Streifen zur Treppe hin, benutzen fast 70% diese. Der Streifen wirkt quasi als unbemerkter Leit-Faden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Trendsetter im Bereich des beh\u00f6rdlichen Schubsens war die britische Regierung, die sich unter David Cameron eine Nudging Unit zugelegt hat. Dieser Abteilung ist es beispielsweise gelungen mit zwei Zu-S\u00e4tzen am Anfang des Standard-Mahnbriefs an s\u00e4umige Steuerzahler, die Steuereink\u00fcnfte massiv zu erh\u00f6hen. Die S\u00e4tze lauteten: \u00abNeun von zehn B\u00fcrger\/innen zahlen ihre Steuern rechtzeitig. Im Moment geh\u00f6ren Sie zu einer kleinen Minderheit, die noch nicht bezahlt hat\u00bb, (aus Psychologie heute 8\/2015). Diese weitere Art des Nudgings nutzt die sozialpsychologische Tatsache, dass die wenigsten Menschen verhaltensauff\u00e4llig sein wollen und sich deshalb der wirklichen oder angenommenen Norm anpassen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Tr\u00e4gheit und Gewohnheit \u2013 gut f\u00fcrs Nudgen<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Neben diesen beiden Effekten -&#171;Ins-Auge-r\u00fccken&#187;- und Norm-Verhalten &#8211; ist das Gesetz der Tr\u00e4gheit ein weiteres verhaltenswirksames Ph\u00e4nomen. Es besagt, dass die meisten Menschen in den meisten F\u00e4llen den bequemsten Weg nehmen und\/oder ihrer Gewohnheit folgen. Dieser Nudging-Bereich wird von Firmen seit langem und seit kurzem auch von Amtsstellen genutzt. Zwei Beispiele beh\u00f6rdlicher Massnahmen mit Massenwirkung:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>In einer britischen Region, in der traditionell viel und stark gesalzene \u00abFish and Chips\u00bb gegessen werden, war der (deshalb) weit verbreitete Bluthochdruck zu einem medizinischen Problem geworden. Der Versuch, die Leute mit Mahnungen zu einem geringeren Salzkonsum zu bringen, blieb fruchtlos. Gen\u00fctzt hat dagegen, den \u00fcblichen Salzstreuer mit 17 grossen L\u00f6chern durch solche mit weniger und kleineren L\u00f6chern zu ersetzen. Denn massgebend war die Gewohnheit, den Salzstreuer jeweils zwei- oder dreimal zu bet\u00e4tigen. Und diese war resistent gegen Appelle.<\/li>\n\n\n<li>In \u00d6sterreich haben 99% der Bev\u00f6lkerung einen Organspendeausweis, in Deutschland hingegen nur 12%. In beiden L\u00e4ndern kann man frei w\u00e4hlen, ob man seine Organe nach dem klinischen Tod spenden will oder nicht. Der Unterschied ist, dass als beh\u00f6rdlicher Standard in \u00d6sterreich jede\/r Organspender\/in ist, solange er sich nicht aktiv als solcher abmeldet. In Deutschland ist es umgekehrt: Man wird nur Spender\/in, wenn man sich dazu anmeldet.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ob Gewohnheit oder Tr\u00e4gheit, in beiden F\u00e4llen gilt, was eingerichtet ist, wird getan bzw. benutzt. Grossmeisterin dieses \u201eBequemlichkeits\u201c-Nudging, ist die Firma Google, die clever alle Nudging-Register gezogen hat. Und so googeln wir heute alle. [Nota bene, eine seit Menschen Gedenken bekannte Art des Nudgings ist der Charme: Wieviel einfacher und folglich h\u00e4ufiger ist es, einem freundlichen Hinweis Folge zu leisten als einem harrschen].<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">\u00d6ko-Nudging<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nudging-Massnahmen k\u00f6nnen Konsummuster deshalb massenhaft \u00e4ndern, weil sie an der Grenze der Wahrnehmung und damit unterhalb der Trotz-Schwelle liegen. Ganz im Gegensatz zu den konventionellen \u00d6ko-Appellen zu Verhaltens\u00e4nderung. Diesen folgt nur, wer schon (fast) \u00fcberzeugt ist und also eine niedrige \u00f6kologische Tr\u00e4gheit hat. Der Rest trotzt. Nichtdestotrotz meinen viele \u00d6ko-Aktive und Umweltorganisationen, mit Informationskampagnen, \u00d6ko-Fussabdruck-Plattformen und Plakaten k\u00f6nnten Massen bewegt werden. Mit eher m\u00e4ssigem denn massenhaftem Erfolg.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Jedenfalls bzw. erstaunlicherweise finden sich im Umweltbereich kaum Nudging-Ans\u00e4tze. Wohl weil sie als manipulativ gelten. Und nat\u00fcrlich ist die Nutzung von Big Data zum Nudgen, wie das etwa Google f\u00fcr seine Werbung macht, hoch-manipulativ. Finger also eher weg von daten-basiertem Nudging. Ansonsten ist zu fragen, wie weit eine reine Lehre in einer generell moneypulierten Gesellschaft aufrecht gehalten werden soll.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie auch immer, einige Ans\u00e4tze gibt es. Bekannt ist etwa der nudgende Hinweis in Hotels, dass (z.B.) 70% der G\u00e4ste ihre Badt\u00fccher mehrfach benutzen. Das stiftet viele an, das ebenso zu tun \u2013 was Tonnen Waschmittel einspart. Und ein weiteres Beispiel zum \u201cNorm-Verhalten&#187;-Nudging: \u00abIn einem Experiment begannen Hauseigent\u00fcmer messbar weniger Strom zu verbrauchen, als man sie darauf hinwies, dass ihre Nachbarn bereits zu den Energiesparern geh\u00f6rten. Gab man andere Gr\u00fcnde wie Umweltschutz, Kosteneinsparung oder Sorge f\u00fcr die zuk\u00fcnftige Generationen an, war der Effekt deutlich weniger ausschlaggebend\u00bb (aus psychologie heute 8\/15).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dieser Art k\u00f6nnte gelingen, was f\u00fcr Masse notwendig ist: Eine \u00d6ko-Selbstverst\u00e4ndlichisierung f\u00fcr die Bagatellf\u00e4lle des Alltages.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">PS: Eine Art &#171;Nudging-Plus\u201c-Methode f\u00fcr massenhafte Verhaltens\u00e4nderungen beschreibt das \u00abReiter-Elefant-Weg\u00bb-Modell. Entwickelt haben es die Heath Br\u00fcder aus der Analyse von 50 F\u00e4llen realer Verhaltens\u00e4nderungen. Das Modell besagt, dass der Elefant \u2013 Symbol f\u00fcr die menschliche Tr\u00e4gheit und des Gewohnheitstiers &#8211; nur dann eine neue Gewohnheit annimmt, wenn der Weg dazu in kleine, nudging-artige Schritte zerlegt wird (und er ihm somit als machbar erscheint). Egal, was immer der Kopf (der Reiter) dem Elefanten auch sagen mag. Und gelingt der erste kleine Schritt, wird ein zweites Schrittchen und ein drittes folgen. Siehe: &#171;SWITCH \u2013 old habits die hard&#187;, Chip &amp; Dan Heath, auf deutsch 2011.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-media-text is-stacked-on-mobile kf-author-box\" style=\"grid-template-columns:25% auto\"><figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"804\" height=\"528\" src=\"https:\/\/kampagnenforum.ch\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/kuno_portraitbild.jpg\" alt=\"Kuno Roth\" class=\"wp-image-441 size-full\" srcset=\"https:\/\/kampagnenforum.ch\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/kuno_portraitbild.jpg 804w, https:\/\/kampagnenforum.ch\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/kuno_portraitbild-800x525.jpg 800w\" sizes=\"(max-width: 804px) 100vw, 804px\" \/><\/figure><div class=\"wp-block-media-text__content\">\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Unser Autor<\/h2>\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kuno Roth arbeitet international als Leiter des globalen Mentoring-System bei Greenpeace. Jahrgang 57, Dr. rer. nat., ehemaliger Chemiker ist er mittlerweile Human\u00f6kologe, Umweltp\u00e4da\u00adgoge sowie auch Schriftsteller.<\/p>\n<\/div><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nudging ist im Trend. Damit ist jener kleinen Schubser gemeint, der dich dein Verhalten \u00e4ndern l\u00e4sst, ohne dass du es merkst. 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